Der Blindgänger
11. September 2008 von Klaus
Der Blindgänger – eine Geschichte aus dem Labyrinth in Hillentrup
erzählt von Klaus Kirdorf aus Wetzlar an der Lahn
Ich hatte mich eigentlich „nur“ zu einem REIKI-Wochenende bei Rosemarie Werner in Hillentrup angemeldet, die sich nicht nur rührend um das in die Landschaft wunderbar eingebundene Pflanzenlabyrinth am Rande einer Pferdekoppel kümmert, sondern als REIKI-Meisterin auch zu vierteljährlichen Jahreszeiten-Festen einlädt. Um rechtzeitig zum gemeinsamen Abendessen um 18 Uhr da zu sein, war ich schon kurz nach 14 Uhr zu Hause Richtung „Lipper Land“ gestartet. Schließlich ist ja auf der A 45, der „Sauerlandlinie“, vor allem am Freitagnachmittag mit starkem Wochenendverkehr zu rechnen.
Ich kam auf der Autobahn zügig voran und freute mich schon auf einen ersten Gang durchs Labyrinth noch vor dem Abendessen. Dann bog ich am Westhofener Kreuz auf die A 1 in Richtung Hannover / Bremen ab und fand mich mitten im eigentlich schon vorher erwarteten Stau wieder. Nach wenigen Kilometern im Schritttempo ging plötzlich nichts mehr. In Dreier-Reihen standen die Autos auf der Autobahn. Seltsamerweise kam aus der Gegenrichtung kein einziges Auto entgegen. Nach ein paar Minuten suchten sich mit „Tatü-tata“ drei Polizeiwagen von hinten einen Weg durch die Autoschlange, aber sonst passierte nichts weiter. Ich hatte längst den Motor abgestellt und stieg aus, um mir einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Wenige Meter vor mir erblickte ich rechts ein Hinweisschild „Raststätte Lichtendorf 500m“. Was mich jedoch sehr überraschte: Nur wenige Meter hinter dem Schild war die Fahrbahn völlig frei! „Warum in aller Welt fahren die Autos denn nicht einfach weiter?“ fragte ich mich. Plötzlich schlängelte sich ein Polizeiauto langsam in der Gegenrichtung durch die Fahrzeugreihen und eine Polizistin, die vor ihm herging, verbreitete die frohe Botschaft, dass es „um Halb“, also in 10 Minuten, weiterginge. Und tatsächlich: Punkt 16.30 Uhr setzte sich die Fahrzeugschlange wie bei einem Formel-1-Rennen in Bewegung. Als ich an der Raststätte Lichtendorf vorbeifuhr, fiel mir zwar auf, dass die Zufahrt gesperrt war, aber ich machte mir keine weiteren Gedanken darüber. Ich war froh, dass der Verkehr wieder rollte.
Als ich kurz vor dem „Kamener Kreuz“ das Radio einschaltete, um mich über weitere Staus in meiner Fahrtrichtung zu informieren, erfuhr ich u.a. den Grund für den Stau bei der Raststätte, und so stand es auch am andern Tag in der Zeitung: „Ein anonymer Anrufer hat gestern mit einer Bombendrohung den Verkehr auf der Autobahn A 1 zwischen den Anschlussstellen Schwerte und Dortmund-Unna stundenlang lahmgelegt.“ Glücklicherweise war es aber ein blinder Alarm, der mich zusammen mit zwei anschließenden Baustellen-Staus zwei nicht eingeplante Stunden auf der Autobahn kostete. Was mir bisher nur bei der Begegnung mit Menschen passiert war: wäre ich nur eine Minute früher bei diesem Ort „Raststätte Lichtendorf“ gewesen, hätte ich diese Situation einfach hinter mir gelassen – so wie ich früher schon oft ohne eine Verabredung besonderen Menschen begegnet bin, weil wir beide zur selben Zeit am selben Ort waren.
Als ich schließlich kurz nach 19 Uhr in Hillentrup ankam, bekam ich zu meiner Freude von Rosemarie noch eine leckere Suppe und selbstgebackenes Brot serviert, so dass mir das „Umschalten“ von 5 Stunden Autofahrt auf das REIKI-Wochenende recht leicht fiel.
Wer jetzt nach der Schilderung meiner Anreise in Verbindung mit der Überschrift dieser Geschichte einen Bombenfund im Labyrinth in Hillentrup erwartet, den muss ich enttäuschen! Stelle Dir stattdessen vor, Du befindest Dich in der Abenddämmerung auf einer zu einem plätschernden Bach hin sanft abfallenden Wiese mitten in einem Pflanzenlabyrinth. Du möchtest einfach die Augen schließen und ganz bei Dir sein. Und Du bittest einen Menschen, der sich mit Dir im Labyrinth befindet, er möge Dich aus dem Labyrinth herausführen. Er nimmt Dich an die Hand, und Du gehst – sozusagen ein „Blindgänger“ – vertrauensvoll neben oder hinter der Person her. Du nimmst die wenigen Geräusche in der Umgebung wahr, die Unebenheiten des Bodens und streifst die Getreidehalme, die in der Wegbegrenzung wachsen.
Und wenn Du dann nach einer scheinbaren Ewigkeit am Ausgang des Labyrinths angekommen bist und Dich dann eine andere Person bittet, jetzt auch einmal durchs Labyrinth geführt zu werden, was kann es in diesem Augenblick und an diesem Ort Schöneres im Leben geben?
Am Sonntagmorgen ist – natürlich noch vor dem Frühstück – ein gemeinsamer Gang zum Labyrinth angesagt. Inzwischen hat sich die Geschichte vom „Blindgehen“ auch bei den anderen Gruppenmitgliedern herumgesprochen. Weil wir zunächst nur 5 Personen sind, schlägt Rosemarie vor, hintereinander durch das Labyrinth zu gehen: 4 Personen schließen die Augen, legen ihre Hände auf die Schultern des/der Vorausgehenden, und die Person an der Spitze der Schlange führt diese mit offenen Augen behutsam zur Mitte. Dort machen alle kehrt, und die Schlange der „Blindgänger“ bewegt sich mit einer neuen Führerin wieder aus dem Labyrinth heraus. Welch ein Erlebnis!
Wer jetzt wissen möchte, was denn an diesem Wochenende in Hillentrup noch passiert ist, dem kann ich nur sagen: Schade, dass Du nicht dabei warst!


Lieber Klaus,
danke für diese Geschichte.
Ich bin gespannt auf die weiteren.