Der Sprechende Name TRUIA
22. Mai 2011 von Zoltán
© Zoltán Ludwig Kruse
Bezüglich des Namens “Truia“, der auf dem Weinkrug von Tragliatella im äußersten 1. Umgang des Labyrinthos eingeschrieben steht, befindet sich im Buche des Autors Giovanni Semerano „Il Popolo che Sconfisse la Morte – Gli Etruschi e la loro Lingua“, im Kapitel „Il vaso di Tragliatella” S. 35 [„Das Volk das den Tod besiegte – Die Etrusker und ihre Sprache”, Kapitel „Der Krug von Tragliatella”] die folgende konklusive Angabe: «Truia significa, infine, “labirinto“ e il suo valore originario è ciclo, giro: accadico tajjaru (che compie un giro, “sich umwendend”), tajjartu (giro, ciclo, “Rückwendung”, Umwendung”)». Übersetzt auf Deutsch heißt das: «Truia bedeutet, schließlich, “Labyrinth“ und sein ursprünglicher Wert ist Zyklus, Runde: akkadisch tajjaru (das eine Runde vollzieht, “sich umwendend“), tajjartu (Runde, Zyklus, “Rückwendung“, “Umwendung“)».
Der Autor G. Semerano gibt an dieser Stelle, wie übrigens in seinen Büchern allgemein, mit überzeugter Selbstverständlichkeit die erweiterten akkadischen Wortklänge als Ursprungsquelle an. Aus sieben und acht Lauten bestehende Wortmoleküle kann man, meines Erachtens, kaum als Ursprungsquelle angeben, denn sie sind offensichtlich Erweiterungen. Aus mir unerklärlichen Gründen nennt G. Semerano beim Stichwort “tajjaru, tajjartu“ nicht den wesentlichen, unbedingt zur Erforschung der Bedeutung des Namens “Truia“ gehörigen, kürzeren und so zum Ursprung noch näher stehenden akkadischen Wortwert “târu“ mit den Bedeutungen “sich (herum)drehen, wiederkommen/zurückkehren/rückwenden“. Außerdem erfahren wir vom Autor gar nichts darüber, wie es zur Bildung der mehrsilbigen akkadischen Wortklänge “tajjaru, tajjartu“ kommt; wie sie aufgebaut sind, ja, welche Urwortskerne darin enthalten und sinnbestimmend wirksam seien. Um diesem Mangel Abhilfe zu schaffen, will ich mich im Folgenden diesen Wortklängen zuwenden und die in ihnen enthaltenen, sinnbestimmenden, -reflektierenden Urwortskerne erläutern. Denn diese sind wahrer Ursprung der angegebenen, zyklische Drehbewegungs-eigenen Bedeutungen “sich umwendend“, “Rückwendung“, “Umwendung“.
Der im akkadischen Wort “tajjaru“ vorhandene Anfangswortkern TAJ steht in engster Verbindung mit der kingir/šumerischen – hungar/magyarischen Urwortskerngestalt TAR (Lautwandlung r < l < j) und bildet ihre weiche Variante. Diese Verbindung bezeugt im Übrigen der akkadische Wortwert “târu“ selbst.
Wenn ich die Erforschung des mex-/mecher/etruskischen Wortklanges TRUIA vom Wortschatz der kingir/šumerischen und hungar/magyarischen Sprachen ausgehend vornehme, so habe ich einen plausiblen Grund dafür. Vom Typus ihres Baus sind diese drei Sprachen nämlich agglutinierend, anreihend. Dies bedeutet soviel, dass die Rolle des Wortes im Satz durch Anfügen von Bildungsaffixen (Prä-/In- und Suffixen) an die unveränderten Kerne oder Wurzel bezeichnet wird. Diese archaische Art der Sprachorganisation, die mit der wesentlichen Pflege der Urworts-Kerne einhergeht, verleiht den agglutinierenden Sprachen ihre kennzeichnende Stabilität. Akkadisch gehört nicht zu den agglutinierenden, sondern zu den flektierenden Sprachen, so wie auch Amoritisch, Assyrisch, Babylonisch, Hebräisch, Griechisch, Latein und alle indogermanischen/-europäischen Sprachen. Diese Sprachen sind alle dadurch gekennzeichnet, dass auch der Stamm/Kern des Wortes je nach der Rolle im Satz verschieden gestaltet wird. Durch die militärische Eroberung der Kingir/Šumerer seitens der aus der Wüste stammenden, allmählich in die blühenden kingir/šumerischen Tempelstädte eingezogenen Nomaden – die in der Geschichte erst später, nach der Gründung ihrer Hauptstadt Aggade, als Akkader genannt wurden – und die Übernahme der von den Besiegten kreierten Schrift, der ersten ausgereiften Schrift der Menschheit, gelangten jedoch sehr viele kingir/šumerische Wortklänge in die Sprache der Eroberer. So auch der Urwortskern TAR/TAJ.
Der Schlüssel zur vollständigen Lesung des mex-/mecher/etruskischen Wortklanges TRUIA liegt verborgen im fehlenden Vokalwert zwischen den Konsonanten T und R. Sehr wahrscheinlich wurde dieser unnotierte Vokalwert, wenn nicht vollständig, so doch mindestens als Schwundvokal lautbar gemacht, wie es beispielsweise auch im agglutinierenden Japanischen oft vorkommt. Hiervon ausgehend wären die möglichen Artikulierungsformen des Wortklangs T()RUIA die Gestalten TiRUIA, TüRUIA, TeRUIA, TaRUIA, TöRUIA, ToRUIA, TuRUIA. Von bedeutender Relevanz erscheinen mir die Bedeutungen der Wortklanggestalten TuRUIA, TeRUIA, TaRUIA und TöRUIA. In diesen sprechenden Namen sind zunächst die Urwortskerne TUR, TER, TAR, TÖR und UIA feststellbar. Ausgehend vom magyarischen Wortschatz heißen ihre entsprechenden Bedeutungen: wühlt für TÚR; kehrt, wendet, windet (Zeitwort Bedeutungen), Raum (offener), Feld, Platz (Namen Bedeutungen) für TÉR; öffnet, schliesst weit auf, Speicher, Lager, Magazin für TÁR und bricht, strebt, verfolgt für TÖR. Den zweiten dieser Urwortskerne (TÉR), der mit den Urwortskern-Archetypen KIR/KÖR/KAR Kreis sowie BYR/BAR/PAR/PIR Sonnen-Röte und ihren Bedeutungskreisen verwoben ist, habe ich bereits in früheren Beiträgen erläutert. Namentlich in den Texten ”Ursprung und Bedeutungen des Namens CHAR-TRES” und ”Das Grundzeichen MYŠ-TER-UM”.
Diese lautmalenden hungar/magyarischen Urwortskerne sind praktisch die selben, wie die antiken kingir/šumerischen, die im „Manuel d’Épigraphie Akkadienne“ des R. Labat unter Šumerogramm Nr. 12 TAR, TIR, TUR aufgeführt sind, und zwar mit den Bedeutungen Weg, Route, sich trennen/separieren, durchschneiden, entscheiden, abstechen, sich abheben, brechen, mit anderen Worten ausgedrückt: Abzweigen, Abkehren, Umkehren, Umwenden, Entzweien, Scheiden, Zweiwerden.
Die vier Urwortsklanggestalten TÚR, TÉR, TÁR und TÖR sind im Hungar/Magyarischen Bestandteile des folgenden, in Fettschrift notierten, komplexen Urwortskernsystems:
TÉR kehrt, wendet, windet, Raum (offener), Feld, Platz, Erweiterungen TER~V Plan, TER~EL treibt, leitet, TER~ÜL (er)streckt sich, TER~JED breitet/dehnt sich aus, TER~ÜL~ET Gebiet, Gelände, TÉR~KÉP Landkarte, TER~EM (zweigt ab + Mutter) Raum (umschlossener), gedeiht, TER~EM~T schöpft, TER~EM~TŐ schöpfend, Schöpfende/r, TER~EM~T~ÉS Schöpfung; TOR Leichenschmaus, Erweiterungen TOR~OK Kehle, Rachen, TOR~ONY Tur~m; TÁR öffnet, schließt weit auf, Speicher, Lager, Magazin, Erweiterungen TÁR~OL lagert, speichert, TÁR~LÓ Vitrine, TÁR~Ó/TÁR~NA (Bergwerks-)Stollen, TÁR~OL~ÁS Lagerung, Speicherung; TAR kahl, abgemäht, Erweiterungen TAR~AJ Kammm (am Kopf), TAR~KÓ Genick, TAR~LÓ Stoppelfeld; TÖR bricht, zerstösst, knackt, schlägt auf, strebt, trachtet, verfolgt, fällt an, plagt (sich) ab, Erweiterungen TÖR~ÉS Bruch, TÖR~VÉNY Gesetz, TÖR~TÉN~ET Geschichte; TŐR Dolch, Hinterhalt, Falle, Schlinge; TŰR duldet, leidet, Erweiterungen TÜR~ÉS Duldung, TÜR~ELEM Geduld; TÚR wühlt und SZÚR sticht, Erweiterungen TÚR~Ó wühlend, Wühlende/r, Quark, Topfen, TÚR~ÁS Wühlen, SZÚR~ÁS Stechen; wobei die Sinnwandlung Wühlen → Stechen durch die Lautwandlung T < SZ [ss] verwirklicht ist.
Die Realisierung dieses Netzwerkes von Urwortskern-determinierten Bedeutungen wurzelt wiederum in den Bedeutungen der in den Urwortskernen TÚR, TÉR, TÁR, TÖR enthaltenen und wirksamen, noch kürzeren Urwortskerne TÚ-ÚR, TÉ-ÉR, TÁ-ÁR, TÖ-ÖR (in der LABYRINTHOS-Sequenz in den Urwortskern-Archetypen THO und YR gespeichert) sowie in ihren Wandlungsgestalten:
TŐ Ansatz, Stamm, TŰ Nadel, TÓ See, TA/DA Ort, Stätte, TÁ~J Landschaft, TE~J Milch, TŐ~GY Euterund ÚT Weg, Straße, TEJ-ÚT Milch-Straße, ÜT schlägt, pocht, ÜT~EM Schlag, Rhythmus, ÖT Fünf, ÁT durch, hindurch, ITT hier, OTT dort, IDŐ Zeit; beziehungsweise ÍR schreibt, ŰR Raum, All, Leere, ÉR Ader, Quelle, Rinnsal, (er)reicht, (ge)langt, (be)rührt, reift, ist Wert, ÁR Flut, Strom, Flächenmaß, Preis, Pfriem/Ale, ŐR Wächter, ORR Nase, ÚR Herr, Herrscher und RÍ schreit, RÓ ritzt, auferlegt, durchmißt, RÁ darauf. Die semantische Differenzierung ist hier, wie stets im Magyarischen, durch kreatives Lautspiel realisiert. Natürlich sind auch diese magyarischen Urwortskerne wiederum Knotenpunkte eines reichen Wortnetzwerkes möglicher Erweiterungen.
Die für den mexer/etruskischen sprechenden Namen T()RUIA relevanten Urwortsklänge TÚR, TÉR, TÁR und TÖR haben somit einen entsprechenden, zusammengesetzten, nämlich Ansatz – Landschaft – Zeit – Weg – Ader – Strom – Schrift – Raum – Wächter- gekennzeichneten Sinnbezug.
Der Wortklanganteil ~UIA im sprechenden Namen T()RUIA ist eine Erweiterung des Urwortskernes UI/ÚJ neu. UI~A/ÚJ~JÁ vermittelt im Magyarischen die Bedeutung zum Neuen (hin/werden) und ist bezogen auf den Inhaltskreis des Anfangs-Urwortskernes. Der Urwortskern ÚJ neu (archaische kingir/šumerische Gestalt: UL), das Neue ist dabei untrennbar verwoben mit dem magyarischen Urwortklang ÉJ mit der Bedeutung Nacht. Aus dieser ÚJ – ÉJ, neu – Nacht Inhaltsbeziehung wird verständlich und leicht nachvollziehbar, dass die dunkle, die tiefe Nacht A M~ÉLY ÉJ (LY = J) der Zeit-Raum ist, aus dem das Neue ÚJ, das Lebendige ÉL~Ő das lebt ÉL, ja, das neue Leben ÚJ ÉL~ET, das neue Licht, der neue Tag hervor-bricht ELŐ-TÖR. Aufschlussreich sind hierzu die Bedeutungen des kingir/šumerischen Urwortskernes UL, ULU, Šumerogramm Nr. 441, die bei Labat mit ”Stern” während bei Deimel zusätzlich mit ”Vollkraft, Prachttür, langwerdend, Hochwachsen v. Baum, Lust, Frucht, anschwellen“ u. a. angegeben sind.
Aus diesen Realitäts-reflektierenden, komplexen Bedeutungskreisen, die an sich noch sehr viel komplexer sind und an dieser Stelle von mir nur summarisch mitgeteilt werden konnten, scheinen mir folgende Wortklanggestalten und -Bedeutungen von Relevanz zu sein:
TÉR~ÚJ~JÁ kehrt zum Neuen, kehrt wieder, regeneriert, umgekehrt geordnet ÚJ~JÁ~TÉR erneuert sich, zum Neuen kehrt, wiederkehrt; erweitert ÚJ~JÁ~TÉR~ÉS Wiederkehren, zum Neuen kehren, Regenerieren; TÁR~ÚJ~JÁ öffnet (sich) weit zum Neuen, umgekehrt geordnet ÚJ~JÁ~TÁR zum Neuen/wiederöffnet (sich) weit; erweitert ÚJ~JÁ~TÁR~ÁS weites (sich) zum Neuen/Wiederöffnen; TÚR~ÚJ~JÁ wühlt zum Neuen, umgekehrt geordnet ÚJ~JÁ~TÚR zum Neuen/wiederwühlt; erweitert ÚJ~JÁ~TÚR~ÁS Wiederwühlen, zum Neuen wühlen; und TÖR~ÚJ~JÁ strebt/bricht hervor zum Neuen, umgekehrt geordnet ÚJ~JÁ~TÖR zum Neuen strebt/bricht hervor, erweitert ÚJ~JÁ~TÖR~ÉS zum Neuen streben/hervorbrechen.
Eine ebenso bedeutende Sendung, als die eben gelesene, erhält man gleichzeitig aus der rückläufigen Lesung des sprechenden Namens TuRUIA, nämlich AIURuT, der sich bei fortschreitender Segmentierung in den folgenden Wortklanggestalten differenzieren lässt: AIURuT → AJ/ALJ, AIURuT→ JÓ, AIURuT→ JÁR, AIURuT → ÁR, AIURuT → ÚT. Ihre jeweiligen entsprechenden Bedeutungen sind: Unterteil, Unterlage, Untersatz, Boden; gut, das Gute; geht; Flut, Strom, Flächenmaß; Weg, Bahn, Strasse, Strecke. Das Potential der hieraus entstehenden, möglichen Wortklanggestalten und Bedeutungen ist wie folgt:
A JÁR~T (EMBER) der/die Bewanderte (Mensch), A JÁR~T ÚT der begangene Weg, A JÁR~Ó die/der Gehende, A JÁR~DA der Gehsteig/-Weg, A JÁRT~AS die/der Bewanderte, (Orts)kundige, A JÓ JÁR~ÁS der gute Gang, das gute Gehen, die gute Fahrt, der gute Lauf, JÁR~AT lässt gehen, A JÁR~AT der Gang, A JÁR~Ó~T den Gehenden (Menschen), A JÁR~Ó~ÚT der Geh-Weg.
Wie die Inhalte dieser Bedeutungssphäre zur Anwendung gelangen können zeigen die zwei nachfolgenden, aufschlussreichen, Lautspiel-gekennzeichneten Beispiele:
A JÁR~DA JÁR~AT A JÁR~ÓT JÁR~T~AS~SÁ TESZ~I (Der Gehweg-Gang den Gehenden zum Bewanderten tut), Der Gehweg-Gang lässt den Gehenden kundig werden.
A JÁR~T JÁR~DA~ÚT~ON A JÁR~Ó JÁR~T~AS~SÁ VÁ~LIK (Auf der begangenen Gehweg-Strecke-darauf die Gehende zur Kundigen/Bewanderten verwandelt), Auf der begangenen Gehweg-Strecke die/der Gehende verwandelt zur/zum Kundigen/Bewanderten.
Das hier in diesem Text von mir erläuterte, auf die Realität lautmalend eingestimmte, urwortskerneigene Bedeutungsnetzwerk bestimmt also die stimmige Lesung der sprechenden Namen TuRUIA/TeRUIA/TaRUIA/TöRUIA, TROIA, TROY und natürlich auch der Variante DROIA/DROEA, die man aus dem zusammengesetzten Namen CAER-DROIA kennt und der den selben Aufbau aufweist wie der Name CHAR-TRES. Folglich, das Troja/Truia-Spiel alter Zeiten wurde aus diesen umfangreichen Inhalten des Lebens genährt, in deren Mittelpunkt das aus dem MYŠ-TER-UM quellende, zyklisch rückkehrende, rückwendende, umwendende, lenz-, also regenerierungseigene Hervorkehren, Hervorbrechen, Hinausstreben der unendlichen Serie (mag. SOR) der Geschöpfe steht.
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Mehr über das Buch LABYRINTHOS Wortkernschichtungund den Autor selbst können Sie auf seiner Website laberintes.de erfahren.



lieber zoltan,
ich hoffe, du kommst zum 6. labyrinth kongress (2.-5. aug 2012)
nach österreich, damit wir alle uns mit dir über dies und das und auch deine arbeit austauschen können !
weiterhin viel erfolg bei deiner arbeit
und alles liebe und gute
lg
ilse
Liebe Ilse,
danke für Deine guten Wünsche!
Ich werde sehen, ob mir gelingen wird mich für den Labyrinth Kongress 2012 frei zu machen. Der August ist, wie Du weißt,
die Hochzeit unserer Sommerkursaktivitäten und daher der
festhaltende, zu überwindende “Hosenträgereffekt” recht stark.
Viel Spaß und Freude am Symposium in Holland!
Liebe Grüße an alle!
Zoltán
Hallo Herr Kruse,
Ihre Wortwurzeln für den Begriff “Truja”, somit auch für Trojaburgen und den Ort Troja reflektieren, genauso wie Ihr Wortspiel zur Erklärung des Labyrinths allesamt dasselbe neolithische Symbol: die Doppelspirale.
Dieses Ursymbol war europaweit verbreitet und stand für den Jahreslauf allgemein mit zunehmenden bzw. abnehmenden Lichtbögen von Sonne und Mond über dem Horizont. Der mitteleuropäische Vorläufer bzw. zeitgleiches zweidimensionales Symbol war, neben konzentrischen Ringen, das sogenannte “Baum-” oder “Fischgrätenmotiv”, das die aufsteigenden und absteigenden Himmelsbahnen oft mit dem Nord-Süd-Meridian versinnbildlichte.
Eine spätere, nunmehr dreidimensionale Analogie ist das gewundene Schnecken- oder Muschelhaus, griechisch: “trochia”, was noch heute im Sinne von Himmelsbahn benutzt wird, aber auch als Umlauf eines Rades und als konkreter Name einer Hausschneckenart. Das dreidimensionale Gleichnis symbolisiert die scheinbar schneckenförmige Vor- und Rückverlagerung der täglichen Sonnenbahnen im Jahreslauf über dem Horizont. Was sich gleichermaßen mit den von Ihnen angeführten Wortwurzeln deckt.
Mit dem Wort “Trochia” im Zusammenhang steht eindeutig “Troia”, unter Verlust des griechischen “X” (ch) im Lateinischen. Die römischen Kaiser leiten sich ja von Äneas, dem trojanischen Helden ab und förderten deshalb das Troiaspiel in diesem Sinne. Das antike Trojaspiel aber war das Abreiten der Serpentinen oder schneckenförmigen Wege hinab und hinauf zum Burgberg, offenbar im Frühjahr, vielleicht ursprünglich unter Gewinn einer Frühlingsmaid. Der schneckenförmig um den Berg oder sperntinenartig hin und her pendelnde Weg zum Burgberg war also griech.: “Trochia”/lat.: “Troia”, womit der Begriff “Trojaburg” und die mit diesem verbundenen labyrinthartigen Bauwerke im mittleren und nördlichen Europa sehr wahrscheinlich aus Zeiten der römischen Besatzung stammen bzw. von gallischen und germanischen Söldnern in römischen Diensten nördlich der Alpen verbreitet wurden.
Der Ursprung des Labyrinthsymbols liegt jedoch weit davor, wie auch Ihre höchst interessanten Begriffsforschungen belegen. Die wohl ältesten Belege beinhaltet die so genannte Vinca-Schrift (ältere Zeichen), die unter vielen anderen bereits genau die Symbolanordnung aus zentralem Himmelskreuz, vier diagonalen Mondsicheln und den vier darüber angeordneten Sonnenpunkten beinhaltet, die Ausgangszeichen für die grafische Zeichnung des Labyrinthsymbols wurden. Daraus lässt sich auch der kultisch-kosmische Ursprung des Labyrinthgedankens und des -symbols ableiten. Was Jahrtausende später noch immer für den griechischen Begriff “Trochia” zutrifft.
Ableitend vom Begriff “Trochia” für Radumlauf/Himmelsumlauf/Himmelsbahn lässt sich nun auch ein Bezug zu den rätselhaften “cartruts” auf Malta herstellen, die allem Anschein nach von einer hier neu angesiedelten Kultur in der zweiten Hälfte des 3. Jt. v. Chr. stammen, also erst nach den berühmten maltesischen Megalithtempeln, deren Kultur etwa gegen 2500 v. Chr. die Insel verlassen hatte. Diese künstlich erzeugten Wagenspuren dürften dem Sinn nach kultisch motivierten Sinnbilder eines kosmischen Himmelswagens gewesen sein, vielleicht von himmlischen Stier- oder Rindergespannen gezogen. Neben dem neumodischen Begriffs “cartruts” wäre somit vielleicht auch “Trojaspur” passend.
Sicher darf genauso noch die altirische oder prägallische “arianrod” als nachhallendes Sinnbild des “himmlischen Radweges”, im Sinne göttlich begründeter Himmelsumläufe gelten dürfen, zumal der Name der Göttin offensichtlich auf die kretisch-kyprische Göttin Ariadne zurückzuführen ist, die, wie Sie wissen, untrennbar mit dem Labyrinth verknüpft wurde.
Ich beschäftige mich seit einigen Jahren als Laie mit der Spurensuche archäoastronomischer Sachverhalte in der europäischen Vorgeschichte und bin so über Stonehenge und New Grange unter anderem auch zum kretischen Labyrinth, den Trojaburgen oder zum Diskos von Phaistos gekommen, der im Prinzip genauso die Doppelspirale verkörpert, wie der Trojabegriff.
Freundliche Grüße
Ingo Marzahn
Hallo, Herr Marzahn,
vielen Dank für Ihren interessanten Kommentar. Ich denke, unsere Forschungsgebiete sind sehr eng miteinander verknüpft. Lesen Sie denn italienische Texte? Falls ja, dann hätte ich etwas für Sie. Nämlich die Beschreibung der astronomischen Beobachtungsanlage “Poggio Rota“, die sich in der Nähe von Pitigliano, in der Südtoskana befindet. Er stammt aus der Zeit der “Rinaldone-Kultur“ (2. Viertel des 4. bis Ende des 3. Jahrtausends v. Z.) und wurde vor einigen Jahren von einem guten Freund von mir entdeckt. Zur Zeit komme ich leider nur wenig zum Schreiben; andere Aufgaben warten auf mich. Und dennoch, zum Urwortskern TIR/TÜR/TER/TAR/TÖR/TOR/ TUR, ohne den wir in unserer Alltagskommunikation kaum auskommen könnten, wird es demnächst einen Folgebeitrag geben.
Mit freundlichen Grüßen,
Zoltán L. Kruse
Hallo Herr Kruse,
vielen Dank für Ihre Antwort. Leider spreche ich weder Italienisch, noch sonst eine Fremdsprache außer ein paar Brocken Englisch.
Ist Ihnen die Ähnlichkeit zwischen der von Ihnen dargelegten Ableitung: Truja – von taru mit der Bedeutung von herumdrehen, sich wenden und dem Wortklanggebilde Taruia sowie diesem mit der hethitischen Namensform Tarwiza aufgefallen? Könnte aus dem hethitischen w im Griechischen ein u oder ein o geworden, das z verblasst und schließlich das vordere a ganz entfallen sein? Wäre dem so, käme Troja vielleicht wie das griechische trochia (Umlaufbahn, Radumlauf, Schnecke) aus einem ähnlichen Ursprung für: drehen, winden mit vielleicht akkadischen, hethitischen, luwischen oder suermischen Sprachwurzeln.
Freundliche Grüße,
Ingo Marzahn
Hallo, Herr Marzahn,
Ja, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Namen Tar-uia und Tar-wiza ist vorhanden. Der Anfangs-Urwortskern TÁR ist identisch; während die Folge-Urwortskerne VÍZ “Wasser” und UI/ÚJ “neu” bzw. UI-A/ÚJJ-Á “zum Neuen (hin)” sind sinnverwandt. Denn Víz/Wass-er/wat-er/wat-ar/vod-a (z < ss < t < d) ist Leben/lat. it. "vit-a", das die Neuwerdung/-kehrung, Regenerierung verursacht. In der Zusammensetzung TÁR-VÍZ höre ich die Bedeutung “Speicher-Wasser“ realisiert. In der umgekehrten Reihenfolge VÍZ-TÁR/TÁR-OL-Ó entsprechend “Wasser- Speicher“. Der italienische Grenzort Tarvis-io zwischen Udine und Villach wird Ihnen sicher bekannt sein. Eigenartiger Weise stimmt dieser Toponym mit dem hethitischen Tarwiz-a, bis auf die Auslautvokale “io“, überein.
Der Approximant W/V wird oft (z. B. im Englischen, Chinesischen, Quechua, Lakota usw.) als “U“ lautbargemacht. Der Wortklang Wasser, den wir im Plattdeutschen als Water ausgesprochen kennen, wird im Englischen nunmehr als “uoter“ lautbar gemacht. Hinzu kommt, dass der Lautwert ”U” in manchen früheren Notationen mit dem Zeichen ”V” notiert wurde.
Daher, denke ich, ob nun der Name Tarwiza als”Tarwisa” oder ”Taruisa” ausgesprochen wird, ändert das an der Übertragung der ursprünglichen Bedeutung “Speicher-Wasser“ kaum etwas.
Einige Hydronyme mit VÍZ kommen mir in den Sinn: Vizère, Weser, (V)Iza, Visó/Vişeu/Wischau, (V)Isaar, Vichy usw.. Und auch whisky, das schottische, irische ”Wässerchen”.
Freundliche Grüße,
Z. L. Kruse
Hallo Herr Kruse,
wiederum vielen Dank für Ihre aufschlussreiche Antwort, die mit den offiziellen archäologischen und sprachlichen Forschungen zu Troja/Illion/Wilussa einhergehen, seit man die 5000 Jahre alten künstlichen unterirdischen Wasserreservoires gefunden hat.
Eine weitere Frage meinerseits ist die, ob Sie sich auch mit dem “Informations-Labyrinth” des Diskos von Phaistos befassen. In Ihrem Artikel zu “TRUIA” verweisen Sie auf: “… „Manuel d’Épigraphie Akkadienne“ des R. Labat unter Šumerogramm Nr. 12 TAR, TIR, TUR aufgeführt sind, und zwar mit den Bedeutungen Weg, Route, sich trennen/separieren, durchschneiden, entscheiden, abstechen, sich abheben, brechen, mit anderen Worten ausgedrückt: Abzweigen, Abkehren, Umkehren, Umwenden, Entzweien, Scheiden, Zweiwerden.
Zweifellos ist der Diskos von Phaistos astro-kalendarisch oder kosmolgisch geprägt. Das verrät allein die beiderseitige Zeichen-anordnung im Symbol der himmlischen Doppelspirale sowie die Zahlendynamik der Zeichen und Zeichengruppen. Aber auch einige Zeichen werden von mir, und wurden vor mir bereits von anderen, in dieser Weise interpretiert. Etwa der Reflexbogen, der ein Synonym für die Ekliptik und den darum pendelnden Mondweg sein könnte oder der Dreizack/Krokus, der als ähnliches Synonym für den dreigeteilten Sonne-Mondweg (Ekliptik Mitte, Mond max. nördlich davon, Mond max. südlich davon) oder von einer Dreiteilung des Jahres zeugen könnte.
Auf dem Diskos gibt es auch eine Glyphe, die wie ein gegabelter Stock aussieht oder eben eine Weggabelung/Abzweigung. Könnte sich dahinter eine dieser Silben: TAR, TIR, TUR verbergen oder die entsprechende Sinnbedeutung? Betreiben Sie dergleichen Studien zum Diskos?
Freundliche Grüße
Ingo Marzahn
Haben
Hallo Herr Marzahn,
Danke für ihr Schreiben. Der Diskus von Phaistos ist mir aus dem Buche ”L’Invenzione della Scrittura” [Die Erfindung der Schrift] des L. Godart bekannt. Einer näheren Erforschung der für Forschende überaus verlockenden Zeichen-Serie habe ich mich bislang noch nicht widmen können. Vielleicht werde ich es zu einem späteren Zeitpunkt einmal tun. Dass das Gabelungs-Zeichen Nr. 19 der Scheibe mit dem Keilschriftzeichen Nr. 12 TAR, TIR, TUR, wie auch KUD/QUD (↔ mag. KÉT/KETT~Ő ”Zwei”, KÉZ/KETE ”Hand”, KÖZ ”Zwischenraum”, KÖT ”bindet, knüpft”,engl. to CUT ”schneiden, trennen”, it. s~CAT~to “Aus-/Loslösen, Losgehen, Auslöser“, s~CAT~tare “losgehen, loslösen“, s~CAT~urire “heraussprudeln/-laufen, entspringen“, s~CHIZ~ofrenia Schizofrenie/Gespaltenheit (t < s), s~CAT~ologia “Fäkalsprache“; beim ”S~KAT” Kartenspiel werden ”Zwei” Karten verdeckt beiseite gelegt) übereinstimmt, ist aber offenkundig. Beide vermitteln in elementarer Einfachkeit die allgemeine Vorstellung von ”Verzweigung, Dirramation, Entzweiung, Trennung, Scheidung”.
Ist Ihnen denn das Königsspiel von UR bekannt, eines der frühesten Brettspiele der Menschheit? Darüber habe ich eine Studie geschrieben; sie ist Bestandteil meines Buches ”Labyrinthos Wortkernschichtung”. Das Hauptzeichen des Königsspiels von UR ist die in vielen Variationen erscheinende, auch in der mecher/etruskischen Kultur oft vorkommende, Würfelfünf-Zeichen, Ausgangszeichen des ”Swastika” Feuerrades.
Mit freundlichen Grüßen,
Zoltán L. Kruse
Hallo Herr Kruse,
ich kenne Ihr Werk “Labyrinthos Wortkernschichtung” nur zum Teil, aus dem Internet. Die Deutung der Diskoszeichen ist freilich ein recht risikobehaftetes Unterfangen und sie will mir nur in wenigen Einzelfällen bisher sinnvoll erscheinen. Ich glaube, es bedarf zur Entschlüsselung des Diskostextes erheblichen Fachwissens der Astronomie, was meine Fähigkeiten bei weitem übersteigt.
Aber ich würde gern noch mal auf die hethitische und akkadische Bezeichnung für Troja zurückkommen.
Sie sagen Tarwisa leitet sich möglicherweise von akkadisch tar= speicher und wisa= Wasser ab. Steckt nicht aber dasselbe wisa=Wasser auch im hethitischen wi-lu-sa? Haben vielleicht Taruisa/Tarwisa und Wilusa/Wilussa praktisch dieselbe Bedeutung, somit auch das spätere Troja und Wilusa? Oder was bedeutet hethitisch wilusa?
Freundliche Grüße
Ingo Marzahn
[...] wertvollen Botschaften “zurück”. Ja, ich denke, dass die Notwendigkeit besteht, seine von mir begonnene Erkundung weiter zu führen. Denn die Sinnbezüge aus dem Bereich der agglutinierender Sprachen [...]
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