Der Urwortskern K/i/ü/e/a/ö/o/u/T – Teil 3
Geschrieben in der Kategorie Allgemein, Gastbeiträge Schlagworte: Urwortskern am 9. Dezember 2011 0 Kommentare »
Der Urwortskern K[i/ü/e/a/ö/o/u]T (3)
© Zoltán Ludwig Kruse
Die aus dem Urwortskern K/i/ü/e/a/ö/o/u/T entwickelte Wortsphäre im Deutschen
Ähnlich wie im Englischen, gibt es auch im Deutschen eine Serie variierter, zum Urwortskern-System K/i/ü/e/a/ö/o/u/T gehöriger, Kernformen. Hier folgen sie: Hut, Haut, Haus, Kuss, Kat/Kate, Kot, Schiet, Schiss, Schuss, Schoß, Scheit, Schutt, Schott (k< h, sch; t<s). Der Anfangszischlaut “Sch“ in diesen Worten erweist sich ursprünglich, so wie im Lateinischen und Italienischen ebenfalls, als Doppellaut “s-k/s-c“. Diese Gegebenheit ist belegt durch Wortbeispiele wie: ahd. s~cat~o, got. s~kad~us “Schatten“, norw. s~kodd[a] “Nebel“, dt. S~kat; it. s~cat~to “Aus-/Loslösen, Losgehen, Auslöser“, s~cat~ola “Schachtel“, s~cat~urire “heraus-sprudeln-laufen, entspringen“, s~chiz~ofrenia “Schizofrenie/ Gespaltenheit usw..
Soeben nannte ich mit, als Beispiel, den Ausdruck “Skat“. Es stellt sich die Frage: was kann denn der Ausdruck “Skat“ mit der Wurzelidee von “Zwei – Scheiden – Abzweigen“ zu tun haben? “Skat“ ist ein allgemein bekanntes, beliebtes, deutsches Kartenspiel zwischen drei Spielern. Es wird mit 32 Spielkarten gespielt. Jeder Spieler erhält 10 Spielkarten und von diesen 10 werden, aufschlussreicher Weise, “Zwei“ als “S-kat“ (↔ mag. KÉT), “verdeckt“ (↔ mag. KÖD “Nebel“) “beiseite“ (↔ mag. KET~TÉ “ent~zweit, abge~zweigt, ge~schied~en“) gelegt. Als namen-gebendes Kennzeichen des “Skat“ Kartenspiels erweisen sich somit diese “Zwei“, von den drei Spielern als “be~schat~tet beiseite“ gelegten, Spielkarten.
Das Stichwort “Schatten“ (→ eines beleuchteten, undurchsichtigen Körpers dunkles, hinteres Zweitbild) mhd. schate[we], ahd. scato, got. skadus, niederl. schaduw, engl. shade, shadow, ist, laut Duden, verwandt mit norw. skodd[a] “Nebel“; und das ist zutreffend. Weiter heißt es im Duden: “Das Wort Schatten beruht mit verwandten Wörtern in anderen indogermanischen Sprachen auf der indogermanischen Wurzel skot- “Schatten, Dunkel“, vergleiche z. B. altirisch scath “Schatten“ und griechisch skotos “Dunkel“; und das hier stimmt nicht ganz. Denn der Wortstamm “s~kot-“, der eine mit sibilantem Anlaut erweiterte Variationsform des Urwortskernes K/i/ü/e/a/ö/o/u/T darstellt, wird hier, wie so oft im Duden Herkunftswörterbuch, einfach zur “indogermanischen Wurzel“ ausgerufen und vereinnahmt. Eigenartiger Weise ignoriert die Indogermanistik die von mir in diesem Text vorgestellte, grundlegende Realität des Urwortskern-Systems K/i/ü/e/a/ö/u/T. Warum wohl? Wie kommt sie dazu, das, was offenbar zusammen-gehörig ist, zu verschweigen? Ja, vom Zusammengehörigen einen willkürlich abgetrennten Entwicklungs-Teilbereich als Grundlegendes und Vollständiges der sprach-interessierten Leserschaft zu präsentieren? Allem Anschein nach gelangt hier, leider, die altbewährte lateinische Maxime: Divide et impera! “Scheide/Teile und herrsche!“ zur Anwendung.
Es gibt der “Wege“ vielerlei. Eines dieser “Wege“ ist auch jener des Ernährungszyklus, der “Speise-Weg“ mag. ÉT-ÚT, dessen Teilbereich der Aus~scheid~ungs-Weg der Tierwesen darstellt. Das feste Produkt, das über den After-Ausscheidungs-Weg ausge~schied~en wird, ist im Deutschen folgerichtig mit Worten wie: “Kot, Schiet, Schiss und Scheiß~e“ stimmig realisiert und reflektiert. Ergänzend sei bemerkt, dass die ganz nahe beieinander liegenden Ausscheidungs-Wege von Urin und Kot bei Menschen und Säugetieren ge~schied~en angelegt sind.
Meistens begleiten Gefühle der Geringschätzung die häufig benutzten Wortklänge “Schiet, Schiss, Scheiße, Beschiss, beschissen“ (im Duden Herkunftswörterbuch werden diese Worte als “derbe Volksworte“ bezeichnet). Dieses abwertende Gefühl begleitet mit schatten-gleichem Automatismus die Wortlaute. Es ist sofort da, sobald eines dieser Worte ausgesprochen wird; sei es beim Selbstverwenden, sei es beim Zuhören. Wie kommt das Gefühl der Geringschätzung überhaupt zustande, wovon ist es denn konditioniert, fragt man sich da? Nun, mir scheint, da ist vor allem die allgemeine Abneigung und folglich die Geringschätzung des Menschen gegenüber allem, was Abfall ist, auch, und ganz besonders, gegenüber der körpereigenen Ausscheidungsabfälle wie Harn und Stuhl. Eigenartiger Weise werden Urin und Fäkalien als unrein und schmutzig, von manchen Menschen mitunter als ekelerregend empfunden. Diese Gegebenheit weist auf ein, bei manchen Menschen vorhandenes, gestörtes Verhältnis zur Ausscheidung, und damit zur Reinigung und Läuterung. Diese Geringschätzung verursachende Abneigung findet Ausdruck immer dann, wenn Wortlaute dieses Inhaltsbereichs zur Anwendung gelangen. Sie werden mit einem, dieser Emotionen entsprechenden, Nachdruck beladen und ausgesprochen. So bedienen sich viele Menschen der Wortklänge “Scheiße, Schiss, Schiet, beschissen“ gleich dem Innbegriff von Geringschätzung, Ärger, Abneigung oder Fluch schlechthin. Die Emotion der Geringschätzung äußert sich bei diesen Sprechern in der Emphase, in der Eindringlichkeit, mit der die Wortklänge “Scheiße, Schiss, Schiet“ jeweils ausgesprochen werden.
In dieser Lage kann eigentlich nur das Verstehen der Wirklichkeit des Wortlautes den an sich hemmenden, konditionierenden Automatismus, mit der sich die Geringschätzung einstellt, aufheben und relativieren. Das Wissen um den Urwortlaut, mit dem das Urbild “Der Scheide-Weg“ ursprünglich reflektiert wurde, nämlich KUD, hat die Kraft diesen Automatismus aufzulösen. Im Urwortskern KUD ist inbegriffen und wirksam, wie von mir bereits erläutert, der lautmalend stimmige Urwortskern ÚT “Weg“ (kingir/šum. UT “Sonne“, IT~I, IT~U “Monat, Neu-Mond“, mag. IDŐ “Zeit“, jap. DO, chin. TAO/DAO ”Weg”). An diesen sind rückverbunden deutsche Worte wie z. B.: Sch~utt, Sch~ott, Sch~att~en, Sch~eid~e (variierte diphthongierte Gestalt von ÚT), sch~eid~en, sch~eit~ern, Sch~eid~ung, Ab-sch~ied, ab-sch~eid~en, ver-ab~sch~ied~en, aus-sch~eid~en, Aus-sch~eid~ung, Ent-sch~eid~ung, Sch~iet, Sch~iß (t<ß), Sch~uss, Sch~oss, Sch~eiß, Sch~eiß~e, sch~eiß~en, be-sch~iss~en usw.. Wie man merkt, stellen diese Wortlaute Erweiterungsgestalten des Urwortskernes ÚT mit sibilantem Anlaut dar. Den Ideenkomplex von “Sch~eid~en – Trennen – Geschiedensein“ findet man vermittelt auch durch die bildhafte Realität der Schwert-Scheide, die ursprünglich eine aus “Zwei“ Holzlatten gebildete “Schutz“-Hülle und Hülse darstellte. Das Bild dieser “Scheide“, die das Schwert von “Zwei“ Seiten umfasste und schützte, beeinflusste die metaphorische Anwendung dieses Wortes für die Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsorgans. Die weibliche “Scheide“ ist der schattige “Spalt“ (mag. VÁG “schneidet, spaltet“, BE-VÁG~ÁS “Ein-Schnitt“, VÁG~ÁNY “Gleis“ ↔ lat., it. Vag~ina), den das eindringende männliche Glied-Schwert spaltend-entzweiend öffnet. Die “Zwei“ eng zusammenliegenden “Scheidenlippen“ werden vom Glied-Schwert gespalten und so voneinander ge~schied~en. Im ent~scheid~enden Moment der Vereinigung realisierenden Penetration geschieht somit “Scheidung“. Diese sich gleichzeitig ereignende “Vereinigung“ und “Scheidung“ erscheint im ersten Augenblick als widersprüchlich. Doch diese Widersprüchlichkeit liegt in der Natur der Sache selbst. Sie lässt sich leicht nachvollziehen in der stimmigen Klanglichkeit der magyarischen Urwortskerne: KÉT “Zwei“ ↔ KÉZ “Hand“ ↔ SZÉT “auseinander“ ↔ SZED “nimmt, sammelt“ (K<SZ) ↔ KÖZ “Zwischenraum, Abstand; Gemeinschaft“ (K<Z) ↔ KÖT “verbindet, fügt zusammen“ ↔ KÉS “Messer“ (T<S). Die “beiden Hände“ sind vom “trennenden Zwischenraum geschieden“ aber gleichzeitig auch “verbunden“. Der zwischen den “beiden Händen“ seiende “Zwischenraum scheidet“ und “verbindet“ zugleich, so wie die hüt~ende-schütz~ende Haut (↔ lat. cut~is, it. cut~e) ebenfalls. Die ge~sch~ied~ene “Scheide“ ist gleichzeitig der “Weg“ ÚT der zum Ut~erus (lat. ut~er “Schlauch“, ut~er~us “Gebärmutter“), dem heiligen Tempel der Lebenswerdung, der “Zwei“- und Mehrwerdung, führt. Auch ist die Sch~eid~e zugleich Aus~sch~eid~ungs-Weg von Urin, Menstruationsblut und Leibesfrucht. Die Geburt ist ein Akt der Ausscheidung. Die im Uterus heran-gereifte Leibesfrucht wird durch die Scheide ausgeschieden. Das Ausgeschiedene ist das neue Leben, das Kind. Dicht neben der Sch~eid~e bzw. des behodeten Gliedes, ge~sch~ied~en, befindet sich der After, Aus~sch~eid~ungs-Weg von Sch~iet, Sch~iß, Sch~eiß~e. Aus dem menschlichen Sch~oß, Ursprung des Lebens, quellen sch~ieß~end hervor der Urin-, der Sch~iet-, der Samen- und der Neugeborenen- Sch~uss. Der Sch~oß erweist sich somit als zentraler Körperteil von Aus~sch~ütt~ungen, er ist der “Weg“ ÚT (< ~EIT/~EID) von Aus~sch~eid~ungen, er ist eben der Sch~eid~e-Weg, sowohl des Samen-, des Menstruations-Flusses oder des Neugeborenen, als auch der überflüssigen Nahrungsreste der Verdauung, das “Ende“ VÉG des “Speise-Weges“ ÉT-ÚT.
Im Grunde genommen haben wir es hier mit stimmiger Wortlautrealität zu tun, die an sich überhaupt nichts Derbes, Anstößiges, sondern, im wahren Sinne des Wortes, Vulgäres (lat. vulgaris), d. h. “Alltägliches, Gewöhnliches, Übliches, Allgemeines“ aufweist, und deswegen auch nicht Geringschätzung rechtfertigen kann. Der Wortschatz der deutschen Sprache, wie der anderer Sprachen auch, enthält eine gewisse Anzahl von geschlechts- und ausscheidungsspezifischen Worten, die auf die Realität eingestimmt sind und diese lautlich stimmig, also lautmalend, zum Ausdruck bringen. Wenn es gelingt diese lautsprachliche Gegebenheit zu verstehen und nachzuvollziehen, wird der sich automatisch, schattengleich einstellende Beigeschmack von Geringschätzung, Ablehnung bei der Anwendung dieser wertvollen Wortlaute verschwinden und vom Gefühl der Dankbarkeit ersetzt werden. Dankbarkeit für die treffende, differenzierte Ausdrucksmöglichkeit, die uns die von den Ahnen entwickelte Lautsprache für die Realisierung der Wurzelidee von “Zwei – Zweiheit – Scheidung – Ausscheidung“ zur Verfügung stellt.
Die Idee von “Trennen, Trennung, Scheiden“ kommt zum Ausdruck ebenfalls in den Worten: Ver~sch~eid~en, ver~sch~ied~en, denn sie bedeuten Sterben und Gestorbensein, also die “Trennung“ vom Leben. Oder auch in den Worten Schied~s-Richter (↔ arab. Kad~i), Schied~s-Spruch, Schied~s-Vertrag, Schied~s-Gutachten, Schied~s-Urteil usw.. “Trennung“ oder auch “Untrennbarkeit“ äußern ebenfalls die folgenden Wortlaute: Sch~eit (altisländisch s~k~eid), das ist das “gespaltene Holzstück“, eben, das “aufgetrennte“ Holz~Sch~eit; hiervon abgeleitet ist das Stichwort sch~eit~ern mit der Bedeutung “in Stücke gehen/zerfallen“; Sch~eit~el, das ist die oberste Kopfstelle, wo die Haare sich “trennen, entzweien, sch~eid~en“; Sch~att~en, das ist wiederum das “untrennbare“, lichtverursachte “Doppelbild“ eines Körpers. Der Sch~ad~en hat ebenso mit “Trennen“ und Verlust zu tun und er wirkt wie ein dunkler Sch~att~en, der das Wohlergehen und -befinden des Menschen be~sch~att~et. Der Sch~ad~en stellt eben, im übertragenen Sinne, einen bedrückenden Sch~att~en dar. Das Sch~ott ist die ab~sch~ott~ende “Trennwand“ von Wasser oder Feuer. Und auch Wortlaute wie z. B.: Be~scheid gleich “Zuteilung“, be~scheid~en gleich “zuteilen“, Be~scheid geben gleich “mitteilen“, die einen Bezug zum Kommunikationspartner, dem “Gegenüber“, reflektieren, sind zu dieser umfangreichen Wortsphäre gehörig.
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