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Archiv für die 'Labyrinth' Kategorie

Ein 3-gängiges klassisches Labyrinth lässt sich aus dem wohlbekannten Grundmuster mit dem Kreuz und den vier Punkten erzeugen. Die vier Winkel werden weggelassen. Dann werden die freien Enden der Linien und der Punkte der Reihe nach verbunden. Die Wegfolge dieses einfachen Labyrinths ist: 0-1-2-3-4.

Das 3-gängige klassische Labyrinth mit der Wegfolge 0-1-2-3-4

Das 3-gängige klassische Labyrinth mit der Wegfolge 0-1-2-3-4

Der Weg in das Labyrinth hinein, der Ariadnefaden, führt also direkt von außen nach innen in die Mitte. Damit sind wohl die von Hermann Kern >Prinzip Umweg< genannten Formprinzipien (Labyrinthe, 1982, S. 14) nicht alle vollständig eingehalten. 

Als historisches Labyrinth taucht dieser Typ meines Wissens nach gar nicht auf. Er entsteht erst durch die Variation des Grundmusters.

Es gibt ein weiteres 3-gängiges Labyrinth mit einer anderen Linienführung und einer Änderung der Bewegungsrichtung. Die Wegfolge lautet: 0-3-2-1-4.
Andere Linienführungen als die beiden hier vorgestellten sind für ein 3-gängiges Labyrinth nicht möglich.

Ein 3-gängiges Labyrinth dieser Art ist erstmals zu sehen auf den Silbermünzen von Knossos, die im Britischen Museum in London aufbewahrt werden. Sie stammen aus der Zeit um 500 v.Chr. bis 100 v.Chr. Sehr oft ist das wohlbekannte kretische Labyrinth mit sieben Umgängen, meistens in quadratischer Form, abgebildet. Auch der Mäander ist vielfach zu finden, meist als Swastika-Mäander.

Swastika-Mäander 431-350 v.Chr.

Swastika-Mäander 431-350 v.Chr. Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 49

Quadratisches Labyrinth mit drei Umgängen 431-350 v.Chr.

Quadratisches Labyrinth mit drei Umgängen 431-350 v.Chr. Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 50 (gedreht)

Das quadratische Labyrinth mit den drei Umgängen auf der Silbermünze aus Knossos hat die Wegfolge: 0-3-2-1-4.
Es ist das älteste historische Labyrinth dieser Art und daher kann es als Typ Knossos bezeichnet werden.
Wie das Labyrinth auf der Münze entwickelt wurde, lässt sich kaum ergründen. Aus dem Grundmuster ist dieses Labyrinth vermutlich nicht entstanden, eher aus dem Mäander. Wahrscheinlich sogar durch die Methode Versuch und Irrtum. Denn unter den Münzen gibt es auch welche mit Fehlern.

Der Mäander mit der Linienfolge 0-3-2-1-4

Der Mäander mit der Linienfolge 0-3-2-1-4

Dieser Typ Mäander enthält in chiffrierter Form die Linienführung des Ariadnefadens für ein 3-gängiges Labyrinth. Der Mäander zeigt die Wegstruktur im Labyrinth als Diagramm. Entschlüsselt ergibt sich die Wegfolge für das Labyrinth. 0 steht für außen, 4 für das Zentrum. 3, 2 und 1 sind die Umgänge in der Reihenfolge, in der sie von außen nach innen durchschritten werden.
Die Umwandlung in ein Labyrinth geschieht durch die direkte Übernahme der Linienfolge als Wegfolge.
Mehr dazu steht auch in den verwandten Artikel unten.

Hier nun einige Umsetzungen in verschiedenen Formen.

Der Ariadnefaden mit der Wegfolge 0-3-2-1-4

Der Ariadnefaden mit der Wegfolge 0-3-2-1-4

In der Zeichnung oben ist der Ariadnefaden für ein rundes Labyrinth mit größerer Mitte und der Wegfolge 0-3-2-1-4 zu sehen. Die Wendepunkte sind verschoben. Zusammen mit dem Mittelpunkt ergibt sich ein Dreieck.

Grundmuster im Mäanderlabyrinth

Grundmuster im Mäanderlabyrinth

Die Begrenzungslinien mit dem darin enthaltenen Grundmuster für das 3-gängige Labyrinth mit der Wegfolge 0-3-2-1-4. Die Mitte ist hier eine Wegbreite groß. Die Wendepunkte liegen auf der gleichen Linie. 
Das Grundmuster für den Mäandertyp lässt sich sehr vereinfachen. Es gibt nur drei Linien und die zwei Wendepunkte. Das Labyrinth lässt sich, wie gewohnt, zeichnen: Das obere Ende der mittleren Linie mit dem nächsten freien Ende der danebenliegenden Linie verbinden (hier das rechte) und dann der Reihe nach von links nach rechts parallel zu den vorherigen Bögen alles verbinden.
 

Das 3-gängige Labyrinth mit dem erweitertem Grundmuster

Das 3-gängige Labyrinth mit dem erweitertem Grundmuster

Die Begrenzungslinien mit dem darin enthaltenen Grundmuster in erweiterter Form für das 3-gängige Labyrinth mit der Wegfolge 0-3-2-1-4. 
Das Grundmuster sieht ungewöhnlich aus, entspricht aber einem halben Grundmuster in gewohnter Form für das 7-gängige kretische Labyrinth. Das besteht ja bekanntlich aus zwei aneinandergefügten Mäandern.

3-gängiges quadratisches Labyrinth

3-gängiges quadratisches Labyrinth

Die Begrenzungslinien mit dem darin enthaltenen Grundmuster in quadratischer Form wie auf der Münze von Knossos. Die Wendepunkte sind verschoben. Die Wegfolge 0-3-2-1-4 ist identisch mit der in den anderen Formen.

Das in den verschiedenen Darstellungen gezeigte Grundmuster ist nachträglich abgeleitet und ermöglicht eine Konstruktion des Labyrinths mit der herkömmlichen Methode: In der Mitte oben anfangen und dann reihum die freien Enden und Punkte verbinden.
So ist aber vermutlich das älteste bisher bekannte Labyrinth dieser Art auf der Münze von Knossos nicht konstruiert worden.

Ein begehbares 3-gängiges Knossos Labyrinth hat Jim Buchanan in Eibergen (NL) entworfen und gebaut (siehe unten).

Verwandte Artikel

Auf den Mäander wurde ich aufmerksam bei meinen Nachforschungen zum römischen Labyrinth, das im Schwanberglabyrinth steckt.

Sogar auf dem Betonsockel für die neue Mitte des Schwanberglabyrinths schlängelt sich ein Mäander, aber der mit den Flussschlingen, von dem sich der Name ableitet. 

Baumversteinerung in der Mitte des Schwanberglabyrinths

Baumversteinerung in der Mitte des Schwanberglabyrinths

Die nächste Begegnung hatte ich im Klosterladen Münsterschwarzach. Da sah ich ein römisches Labyrinth in moderner Form, aber mit dem Mäander drin. Es stammt aus der Abtei Königsmünster der Benediktiner in Meschede.

Modernes römisches Labyrinth

Modernes römisches Labyrinth

Gegenüber der Residenz an der Balthasar-Neumann-Promenade gibt es ein Griechisches Restaurant mit Namen Knossos, dem Minotauros und einem Mäanderband. Leider nicht (direkt) labyrinthgeeignet. 

Restaurant Knossos

Restaurant Knossos

An der Ecke Rottendorfer Straße/Friedrich-Ebert-Ring, gar nicht weit weg von der Residenz, ist ein renoviertes Haus mit einem Mäanderband unterhalb der Dachrinne, der um das ganze Haus herumgeht. Das Haus wurde 1840 im frühklassizistischem Stil gebaut, im 2. Weltkrieg zerstört, danach wieder aufgebaut und steht jetzt unter Denkmalschutz.

Friedrich-Ebert-Ring 1

Friedrich-Ebert-Ring 1

Und dieser Mäander ist “richtig”, weil labyrinthgeeignet. Jedes Element ergibt den Ariadnefaden für ein 3-gängiges Labyrinth. Und zwei davon ergeben das kretische 7-gängige Labyrinth. Und drei das 11-gängige, vier das 15-gängige, fünf das 19-gängige usw. Einmal linksdrehend, einmal rechtsdrehend. Das ganze Haus ist also gleichsam eingehüllt in ein riesiges Labyrinthnetz. Und nicht weit davon auf dem Rasen im Garten des Hauses St. Benedikt (inzwischen leider geschlossen) liegt das von Beatrice etwa 1990 angelegte 7-gängige kretische Labyrinth.

Das Mäanderband

Das Mäanderband

Auf dem Weg zur Residenz kommt man an den Hofkellereien vorbei, wo sich im Gang der Main mit seinen Weinbaugebieten als Mäanderband auf dem Boden windet. Der Main schlängelt sich bekanntlich mäandermäßig quer durch die Mitte Deutschlands (wie auch sonst noch viele Flüsse weltweit).

Hofkellereien

Hofkellereien

Mein Ziel ist die Antikensammlung des Martin von Wagner Museums der Universität Würzburg im 3. Stock des Südflügels der Residenz. Das sind die oben beleuchteten Fenster.

Südflügel der Residenz

Südflügel der Residenz

In der Antikensammlung sind Kunstwerke und Altertümer des Mittelmeerraumes aus der Zeit vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis in die Spätantike zu sehen. Im Mittelpunkt stehen Zeugnisse aus Griechenland. Internationales Ansehen genießt die Sammlung griechischer Vasen.
Ich suche vor allem den Mäander, finde aber auf diesem Bruchstück eines Klazomenischen Sarkophages aus der Zeit um 500 v. Chr. neben dem Mäander auch ganz unerwartet “unser” Grundmuster für das Labyrinth. Für die Archäologen sind das alles nur Ornamente. Aber mich interessiert der Bezug zum Labyrinth. Und um diese Zeit muss wohl auch der Zusammenhang Mäander – Labyrinth erkannt worden sein.

Klazomenischer Sarkophag 500 v. Chr.

Klazomenischer Sarkophag 500 v. Chr.

Ein 3-gängiger, labyrinthgeeigneter Mäander in der oberen Reihe auf einer Kanne mit schwarzfigurigen Elementen aus der Zeit um 500 v. Chr. (L 461a, Sammlung Feoli). Der Mäander in der unteren Reihe ist nicht (direkt) labyrinthgeeignet.

Kanne 500 v. Chr.

Kanne 500 v. Chr.

Ein 3-gängiger, labyrinthgeeigneter Mäander findet sich auf dieser Etruskisch-Schwarzfigurigen Amphora um 470 v. Chr. (Inv. Nr. L799). Für die Archäologen fällt dieser Mäander unter den Begriff  “gebrochener Mäander”, es ist also keine Doppelspirale. Einfachere Mäanderformen sind die “Hakenmäander”.

Etruskisch-Schwarzfigurige Amphora um 470 v. Chr.

Etruskisch-Schwarzfigurige Amphora um 470 v. Chr.

In der Sonderausstellung im Kulturspeicher Würzburg “Zimmer, Küche, Bad” finde ich diesen prächtigen Mäander unter den Hot Pads von Joachim Koch, einem Würzburger Bildhauer, der in Kleinrinderfeld lebt und arbeitet.

Hot Pads (1998 - 2011)

Hot Pads (1998 - 2011)

Die weißen Linien in der Mitte ergeben einen 9-gängigen, labyrinthgeeigneten Mäander.

Verwandte Artikel

Das Labyrinth im sprachheilpädagogischen Unterricht

Das Labyrinth hat in vielen Schulen Eingang gefunden.
In den Fächern: Geschichte, Deutsch, bildnerische Erziehung, Religion u.a.

Ilse M. Seifried aus Wien ist die Erste, die das Labyrinth im Zusammenhang mit Sprachheilpädagogik bringt.

Dazu einige Fotos vom Unterricht:

Den Ariadnefaden zeichnen

Den Ariadnefaden zeichnen

Die Kugel durch das Labyrinth rollen lassen

Die Kugel durch das Labyrinth rollen lassen

Mehr dazu in einer Kurzfassung ihres Artikels “Das Labyrinth im sprachheilpädagogischen Unterricht” als PDF-Datei zum anschauen, kopieren oder drucken.

Über Rückmeldungen und Vernetzungen würde sich die Autorin sehr freuen. Gehen Sie dazu auf ihre Website das-labyrinth.at.
Die Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Christus im Labyrinth: Das Labyrinth Fresko von Alatri

von Giancarlo Pavat

Alatri ist eine kleine Stadt in Mittelitalien in der Provinz Frosinone, in der Region Latium, südlich von Rom.
Alatri rühmt sich römischer und mittelalterlicher Denkmäler, darunter sind auch viele schöne Kirchen und Paläste aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Die Kirche des Hl. Franziskus von Assisi stammt aus dem 13. Jahrhundert und zusammen mit dem angrenzenden Kloster öffnet sie sich auf die Piazza Königin Margherita von Savoyen. Die Kirche wird heute als Halle für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Bei Restaurierungsarbeiten im Jahr 1996 wurde ein Verbindungsgang unter der Kirche entdeckt, mit einer Reihe von Fresken an den Wänden, darunter Spiralen, Kreise, Pflanzen, Blumen und einer einzigartigen Darstellung “Christus Pantokrator” in der Mitte eines großen Labyrinths. Das Fresko befindet sich am oberen Teil einer Wand.
Zur Zeit ist fast gar nichts über den Ursprung dieses Kunstwerkes bekannt, ja, es war völlig unbekannt bis zur eher zufälligen Entdeckung im Jahre 1996. Die Darstellung eines Bildes mit Christus in der Mitte eines Labyrinths war bisher nicht bekannt, allerdings entspricht die Wegführung des Alatri Fresko Labyrinths im Wesentlichen dem Bodenlabyrinth in der Kathedrale von Chartres in Frankreich.

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Giancarlo Pavat
Alle Fotos © Giancarlo Pavat

Der Durchmesser des ganzen Labyrinths beträgt etwa 140 cm, während die Mitte 55 cm hat. Im Zentrum des Labyrinths dargestellt ist ein bärtiger Christus, dessen Kopf von einem Heiligenschein mit eingeschriebenem Kreuz umgeben ist und der einen dunklen Rock mit einem goldenen Umhang trägt. In seiner linken Hand, an der er einen Ring trägt, hält er ein mit zwei Schnallen verschlossenes Buch, das mit einem Herz verziert ist. Die rechte Hand ist in einer Segensgebärde zum letzten Stück des Weges ausgestreckt, wo es ins Zentrum mündet.

Die Wand mit dem Fresko “Christus im Labyrinth” zeigt nach Süden, so dass der Eingang zum Labyrinth westlich liegt (links im Fresko) und die Mitte des Labyrinths im Osten. Daher ist das Labyrinth orientiert wie die überwiegende Mehrheit der Labyrinth in christlichen Kirchen: Sie beginnen von wo aus die Sonne untergeht und führen weiter in der Richtung, in die sie steigt, dem Licht entgegen.

Nach Professorin Graziella Frezza vom Ministerium für Kulturgüter der Italienischen Republik, können die Fresken von Alatri auf das 11. bis 14. Jahrhundert datiert werden, und, derzeit sind wahrscheinlich die Tempelritter die Urheber oder Auftraggeber des Freskos “Christus im Labyrinth”.

Gegenwärtig sind die Fresken von Alatri in einem schlechtem Zustand, aber wegen ihrer Bedeutung hat die italienische Regierung Gelder für ihre Restaurierung bewilligt.

Quelle: Caerdroia 40 (2010), herausgegeben von Jeff Saward

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