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In einem der vorhergehenden Artikel haben wir aus dem kretischen Labyrinth den darin enthaltenen Mäander ermittelt. Jetzt gehen wir den umgekehrten Weg und machen aus einem Mäander ein Labyrinth. Dazu wählen wir aber eine andere Mäanderform, sonst wäre es zu langweilig.

Mäanderband

Mäanderband auf einer Tapete im Boies-Lord House (Foto mit freundlicher Erlaubnis von © Chuck LaChiusa)

Wir machen eine Schemazeichnung der Elemente und nummerieren die senkrechten Linien von links nach rechts. Das werden die Umgänge. Die waagrechten Linien oben und unten stellen die Achsen dar. Es gibt nur 6 Umgänge und nicht 7 wie beim kretischen Labyrinth. Die Wegfolge lautet wie folgt: A-3-2-1-6-5-4-Z. Das müsste der Weg hinein sein. Der Weg heraus: Z-4-5-6-1-2-3-A. Somit ganz anders als wir es gewohnt sind. 

Schemazeichnung Mäanderband

Schemazeichnung Mäanderband

Am rechten Element sind oben im Schema die Umgänge von innen nach außen (im Labyrinth) nummeriert. Die Wegfolge für den Weg heraus ist identisch mit der für den Weg hinein. Außerdem ergibt die Summe der beiden Reihen immer 7, das ist auch die Anzahl der Begrenzungslinien (ganz unten rechts zu sehen). Das Labyrinth ist selbstdual, weil bei umgekehrter Wegfolge ein identisches Labyrinth entsteht.
Außerdem ist die untere Zeichenkette noch palindromisch weil sich vorwärts und rückwärts gelesen die gleiche Zeichenkette ergibt. 

Aus der Wegfolge und der Schemazeichnung (Diagramm) kann ich nun das dazugehörige Labyrinth ableiten. Ich nehme eine runde Form und erhalte den Ariadnefaden für ein 6-gängiges Labyrinth:

Der Ariadnefaden (in schwarz) im 6-gängigen Labyrinth

Der Ariadnefaden (in schwarz) im 6-gängigen Labyrinth

Ich habe einfach streng und schematisch nach der Wegfolge die Umgänge angeordnet. Zudem ist die Mitte nur eine Wegbreite groß. Das sieht alles nicht sehr harmonisch aus.

Jetzt versuche ich einmal das Grundmuster aus diesem Labyrinth  herauszufiltern und auf dessen Grundlage ein Labyrinth zu zeichnen. Diesmal stelle ich die Begrenzungslinien schwarz dar. Das Bild ähnelt schon eher dem gewohntem Anblick. 

Das 6-gängige Labyrinth mit dem farbigen Grundmuster

Das 6-gängige Labyrinth mit dem farbigen Grundmuster

Bei näherer Betrachtung des Grundmusters stelle ich fest, dass der senkrechte Balken des Kreuzes durch einen zusätzlichen Durchgang gleichsam gespalten ist. Der linke Teil des Grundmusters ist identisch mit dem wohlbekanntem Grundmuster für das 7-gängige klassische Labyrinth, der rechte Teil ist identisch mit dem Grundmuster für das 3-gängige klassische Labyrinth.
Ich habe also gleichsam zwei halbe Grundmuster vereinigt und daraus ein neues, anderes  Labyrinth erzeugt. Oder forscher formuliert: Ein halbes 7-gängiges und ein halbes 3-gängiges macht ein 5-gängiges (3.5+1.5=5). Zusammen mit dem zusätzlichem Durchgang ergibt das ein 6-gängiges Labyrinth.

Um ein etwas harmonischeres rundes Labyrinth zu erhalten wähle ich jetzt eine größere Mitte und mache die Begrenzungslinien nicht mehr so dick. Das sieht so aus:

Ein 6-gängiges klassische Labyrinth

Ein 6-gängiges klassische Labyrinth

Ich stelle fest, dass die Eingangs- und die Zentrumsachse auf einer Linie liegen. Wie üblich gehe ich gleich in den dritten Umgang und dann wieder nach außen. Aber anders als beim kretischen Labyrinth gehe ich dann direkt von ganz außen nach ganz innen und umkreise die Mitte. Doch dann geht es wieder Richtung Eingang und vom vierten Umgang aus schließlich in die Mitte.
Die Linienführung ist zwar ungewohnt, aber mir gefällt sie gut. Doch habe ich noch nie einen solchen Typ als begehbares Labyrinth gesehen. Oder kennt jemand so ein Labyrinth? Oder wer baut so eines als erster?

Jetzt die Frage: Gibt es in der labyrinthischen Überlieferung ein Labyrinth dieser Art? Es gibt.
Also ist das nicht meine Erfindung, sondern vor 1000 Jahren hatte schon einmal jemand diese oder eine ähnliche Idee. Bei Hermann Kern finden sich zwei Exemplare mit dieser Linienführung.
Nach den Vorschlägen von Andreas Frei müsste man diesen Typ >St. Gallen< nennen, denn das ist der erste sichere historische Nachweis.  

Typ St. Gallen (10./11.Jh.)

Typ St. Gallen (10./11.Jh.) Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 209

In einer Pergamenthandschrift aus dem 10./11.Jh., die in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrt wird, ist das runde Labyrinth als Illustration zu einem Text von Boethius >Trost der Philosophie< (um 480-524 n.Chr.) zu sehen. Offensichtlich wollte der Zeichner dieses Labyrinths ein rundes kretisches 7-gängiges Labyrinth zeichnen, hat sich aber vertan und nur 6 Umgänge gezeichnet und auch sehr viel radiert, um noch eine “richtige” Linienführung hinzubekommen. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S.176, 177).

Das zweite Labyrinth dieser Art taucht bei den so genannten Jericho-Labyrinthen auf, wo die 6 Umgänge auch noch mit einer anderen Linienführung vorkommen. Aber auch “unseren” Typ gibt es. Und zwar als ganzseitige Miniatur in einer syrischen Grammatik des Bischofs Timotheus Isaac, geschrieben 1775, in der Josua und die Stadt Jericho als Labyrinth abgebildet sind. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S.197).

Stadt Jericho als Labyrinth (1775)

Stadt Jericho als Labyrinth (1775) Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 229

Ich habe die Zeichnung gedreht, damit man die Linienführung besser erkennen kann. Die 7 Umgänge des kretischen Labyrinths sind zwar vorhanden, aber der erste, äußere Umgang ist nicht zugänglich. Damit ergeben sich 6 Umgänge und eine Linienführung wie beim runden Typ von St. Gallen. Wie der Zeichner zu dieser Linienführung kam, ist kaum nachzuvollziehen, aber  vermutlich nicht mit der Methode >Versuch und Irrtum<.

Weiterführende Links

  • Über den Mäander gibt es einen Artikel bei Wikipedia, in dem viele verschiedene Mäanderformen abgebildet sind. Lesen Sie auch den englischen Artikel. Da gibt es schon Hinweise zum Labyrinth.
    Hier der Link … >
  • Das Foto mit der Mäanderband in diesem Artikel habe ich auf der Website von Chuck LaChiusa gefunden. Dort sind noch mehr Fotos von anderen Mäandermustern zu sehen und einige Informationen zum Zusammenhang Mäander und Labyrinth, allerdings in Englisch, zu finden.
    Hier der Link … >
  • Andreas Frei hat sich intensiv mit der Struktur des Labyrinths beschäftigt und bis jetzt 74 verschiedene historische Labyrinthtypen katalogisiert. Auf seiner Website finden Sie viele weitere Informationen und Grundlegendes zum besseren Verständnis der unterschiedlichen Labyrinthtypen.
    Hier der Link … >

Anmerkungen vom 9.1.2012:

Andreas Frei hat mich in einer E-Mail vom 3.1.2012 darauf hingewiesen, dass mein aus dem Mäander entwickeltes Labyrinth zwar die gleiche Wegfolge hat wie der Typ St. Gallen, aber trotzdem von diesem verschieden ist.
Ich zitiere hier mit seiner freundlichen Genehmigung aus der E-Mail:

Ihr Mäander-Labyrinth mit 6 Umgängen ist nicht vom Typ St.Gallen. Es hat zwar gleich viele Umgänge und erst noch die gleiche Umgangsfolge wie St.Gallen, jedoch nicht das gleiche Muster. Für die gleiche Umgangsfolge kann es mehr als ein Muster geben. Zwischen beiden Labyrinthen gibt es einen gewichtigen Unterschied. Im Typ St.Gallen quert der Weg die Achse, in Ihrem tut er das nicht. Deshalb sind in ihrem Labyrinth der Eingang ins Labyrinth und der Zugang zum Zentrum auf der gleichen Seite der Achse, so wie das bei Labyrinthen mit gerader Umgangszahl üblich ist. Beim Typ St.Gallen jedoch liegen der Eingang ins Labyrinth und der Zugang zum Zentrum einander gegenüber, so wie das normalerweise bei Labyrinthen mit ungerader Umgangszahl der Fall ist. Ich verwende das Muster Ihres Labyrinths auf meiner Website, um zu zeigen, dass es für dieselbe Umgangsfolge mehrere Muster geben kann. …

hier der Link zur Website … Seite Zusammenhänge

… Es gibt m.W. kein historisches Labyrinth mit diesem Muster. Ich würde daher Sie als den Urheber dieses Typs sehen.
Andreas Frei

Dass das Labyrinth mit dem Mäander zu tun hat, wissen alle Labyrinthenthusiasten.
Dass das Urlabyrinth (auch kretisches oder klassisches Labyrinth genannt) aus zwei aneinandergefügten Mäandern besteht, wussten schon die alten Griechen und Römer und heutzutage die Labyrinthexperten. 
Wie aus dem Mäander (durch drehen) ein Labyrinth wird, ist bekannt.
Dann müsste sich doch auch umgekehrt ein Mäander aus dem Labyrinth herausholen lassen?
Wie ein experimenteller Labyrinthologe das macht, wird hier nachvollziehbar gezeigt.

Zwischenbemerkung für Ilse und alle Anhängerinnen der gendergerechten Sprache:
Wenn hier steht “die”, ”man”, “jene”, “alle”, “wer”, “jemand” ist immer gemeint und miteingeschlossen: Mann, Frau, Kind, alt, jung, reich, arm, gebildet, ungebildet, Besucherinnen, Enthusiastinnen, Expertinnen, Griechinnen, Römerinnen, Labyrinthologinnen, Lehrerinnen, Leserinnen usw..

Vor zwei Jahren haben wir in Schwäbisch Hall gegenüber der Comburg ein kretisches Labyrinth besucht. Etwas unterhalb am Berg steht eine alte romanische Kirche. Der Altarraum war im 19. Jh. historisierend ausgemalt worden und da fiel mir auch ein dreidimensionaler Mäander auf.

Labyrinth Schwäbisch Hall

Labyrinth Schwäbisch Hall

Mäander Schwäbisch Hall

Mäander Schwäbisch Hall

Mäander Uniklinik

Mäander Uniklinik

Mäander Türnich

Mäander Türnich

Als ich wegen meinem Herzen 2008 in der Uniklinik Würzburg war, ist mir auf dem Fußboden im Treppenhaus von Bau D20 ebenfalls der Mäander über den Weg gelaufen, vielmehr ich über ihn.
Vor einigen Monaten haben wir beim Besuch des neuen kretischen Labyrinths auf Schloss Türnich in Kerpen im Hofcafé und Hofladen an den Wänden dieses schöne Mäanderband gesehen.
Labyrinth Schlosspark Türnich

Labyrinth Schlosspark Türnich

Hofcafé Türnich

Hofcafé Türnich

Und erst vor drei Tagen ist mir in Würzburg dieses wunderbare, weil “richtige” Mäanderband an einem Haus aufgefallen. In Sichtweite zum Labyrinth im Haus St. Benedikt, das Beatrice um 1990 dort angelegt hat.
Mäanderband Würzburg

Mäanderband Würzburg

Labyrinth Haus St. Benedikt

Labyrinth Haus St. Benedikt

Wie geht das?

Wer es besser verstehen möchte, kann das Ganze auf einem Blatt Papier (am besten kariert) und mit Bleistift nachvollziehen. Ich habe es im Grunde auch so gemacht.

Zunächst der Überblick:

Übersichtszeichnung

Übersichtszeichnung

Das (hier eckige) 7-gängige Labyrinth kann man aus dem wohlbekannten Grundmuster entwickeln. Die Begrenzungslinien und der Ariadnefaden (der Weg) sind gleich breit und damit gleichberechtigt in der Darstellungsform. Der Ariadnefaden ist schwarz und die Begrenzungslinien sind weiß, bzw. weggelassen.

Der Ariadnefaden im Labyrinth

Der Ariadnefaden im Labyrinth

Aus dem Labyrinth erzeuge ich ein Diagramm in Rechteckform. Wie das geht und zu verstehen ist, habe ich schon früher einmal beschrieben (hier der Link zum Artikel). Das Diagramm könnte man auch als Ablaufplan, Fahrplan, Formel, Gebrauchsanweisung, Legende, Malen nach Zahlen, Schnittmusterbogen, Strukturplan, Wegplan, Zeichenerklärung o.ä. bezeichnen. Vielleicht hilft so eine Bezeichnung eher beim Verständnis?

Das Diagramm

Das Diagramm

Das Diagramm ist eine Abbildung des Labyrinths in rechteckiger, schematischer Form. Die Wege sind verzerrt und entsprechen nicht den tatsächlichen Längen. Das wesentliche aber ist zu sehen, nämlich die Wegstruktur: die Wegfolge, die Richtungswechsel, die Wegachsen.
Die Umgänge sind von außen nach innen nummeriert. Die Reihenfolge, in der die Umgänge abgeschritten werden, ergibt die inzwischen wohlbekannte Wegfolge: A-3-2-1-4-7-6-5-Z. Die soll uns bei der Umwandlung helfen.
Anhand der Zahlen kann man sich orientieren und den Verlauf des Weges verfolgen. Alle, die schon einmal ein Labyrinth in den Schnee getreten haben oder den Ariadnefaden in einem Zug auswendig zeichnen können, haben das verinnerlicht.

Das Diagramm nach oben verlängert

Das Diagramm nach oben verlängert

Jetzt quetsche ich die Wegstruktur seitlich zusammen auf die kleinste mögliche Breite. Sie ist nun noch verzerrter, aber immer noch richtig. Ich habe praktisch aus dem Labyrinth zwei einzelne und identische Mäander erzeugt: die Bahnen 1-2-3 und 5-6-7, die über 4 verbunden sind.
Dann setze ich nach oben den Weg aus dem Labyrinth heraus an. Der entspricht dem Weg hinein in gespiegelter Form. Das Ergebnis sind vier aufeinander folgende Mäander: ein Mäanderband.

Diese Darstellung drehe ich jetzt um 90 Grad nach rechts und erhalte das gedrehte, quer verlaufende Mäanderband. An den Zahlen kann ich die Wegfolge ablesen. Dabei stelle ich auch fest, dass ich vier identische Elemente vor mir habe. Jedes einzelne Element ist ein Mäander und aus diesen ist das Labyrinth, genauer gesagt, der Ariadnefaden im Labyrinth, zusammengesetzt. Der Weg in ein Labyrinth hinein und wieder heraus entspricht somit einem Weg durch vier Mäander. Zwar nicht in der Länge, aber in der Wegfolge und der Struktur. Dadurch erkenne ich die Beziehung zwischen Mäander und Labyrinth.

Das Mäanderband ist die Darstellung des Ariadnefadens in linearer Form.

Das gedrehte Mäanderband

Das gedrehte Mäanderband

Mäanderband Würzburg

Mäanderband Würzburg

Wenn ich das Diagramm mit den Fotos von den Mäandern oben vergleiche, stelle ich fest, dass die Linienführung übereinstimmt. Der Mäander kann auch von rechts nach links laufen, dann ist er gespiegelt. Oder er kann verdreht sein. Jedoch bleibt die Wegfolge immer die gleiche. Darauf allein kommt es an. 
Nur der Mäander von der Uniklinik passt nicht. Das bedeutet, dass nicht jedes Mäandermuster für ein Labyrinth geeignet ist.

Chiotischer Kelch 600 v. Chr.

Chiotischer Kelch 600 v. Chr.

Diesen Chiotischen Kelch (Inv. Nr. L 128) aus der Zeit um 600 v. Chr. habe ich in der Antikensammlung des Richard von Wagner Museums der Universität Würzburg gefunden. Darauf ist ein schöner Mäander zu sehen.

Ist das ein Labyrinth, und wenn ja … wie viele Umgänge hat es?

Das ist die Hausaufgabe für Sie/Euch liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs.

Gibt es eine Verwandtschaft zwischen dem 11-gängigen Chartres Labyrinth und den in Schweden meistens 11-gängigen Trojaburgen?
Welche Beziehung besteht da? Gibt es überhaupt eine?

Das Chartres Labyrinth

Das Chartres Labyrinth

Die Trojaburg Visby

Die Trojaburg Visby

Beide könnten im gleichen Zeitraum entstanden sein. Das Chartres Labyrinth entstand ca. um 1200 und die Trojaburgen vermutlich zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. Auch die meisten noch erhaltenen englischen Rasenlabyrinthe (bis auf Dalby – das ist ein 7-gängiges klassisches) sind vom Typ Chartres und haben 11 Umgänge.

Wie kann man nun die beiden Typen unterscheiden, bzw. miteinander vergleichen?
Dazu muss man beide etwas umformen. Chartres hat einige spezielle Eigenschaften, die es auch von den anderen mittelalterlichen Typen unterscheidet, zu denen es auch gehört. Das sind die sechs kreisförmigen Elemente in der Mitte und die Umrandung mit den 113-Zacken.

Charakteristisch für die mittelalterlichen Typen sind auch die “Barrieren” in den Wegen, die jeweils eine Wendung um 180° bewirken. Bei Chartres sind sie in den beiden waagrechten Achsen und im oberen Teil der senkrechten Achse angeordnet. Spekulationen, ob das die Kreuzigung oder Christianisierung des Labyrinths bedeutet, können wir uns sparen. Das kann sein, muss aber nicht. Denn die Achsen könnten auch in anderen Winkeln angeordnet sein und würden die gleiche Wegfolge erzielen.
Besonders charakteristisch für alle Labyrinthtypen ist die Linienführung der Umgänge, die sich in der Wegfolge ausdrückt: das ist die Reihenfolge, in der die einzelnen Umgänge nacheinander begangen werden.
Und das ist entscheidend. Denn darin drückt sich der Rhythmus oder die Melodie, wenn nicht sogar die Dramaturgie der Wegführung eines Labyrinths aus.

Können wir die Barrieren weglassen und haben wir dann immer noch ein Labyrinth? Oder anders ausgedrückt: Können wir aus dem 4-achsigen Labyrinth ein einachsiges machen? Ja, es geht beim Typ Chartres. Nicht bei jedem mittelalterlichen Labyrinth (z.B. beim Typ Reims) gelingt das. Das deutet schon darauf hin, von welch hoher Qualität der Chartres Typ ist.
Wie sieht dann die Wegfolge aus? In der nachfolgenden Grafik ist das abzulesen.
Gleichzeitig ist in der Grafik das im Labyrinth steckende Grundmuster für die Begrenzungslinien durch die schwarzen Linien kenntlich gemacht. Damit wird das Chartres Labyrinth vergleichbar mit der Trojaburg.
Wegfolge Chartres: 5-4-3-2-1-6-11-10-9-8-7-12

Grafik Chartres

Grafik Chartres

In der Grafik der Trojaburg ist ebenfalls das darin enthaltene Muster deutlich gemacht. Um es mit Chartres vergleichbar zu machen, ist es an die kreisförmige Form angepasst. Die Wegfolge bleibt dabei erhalten. So wie es auch egal ist, ob das Labyrinth rechts- oder linkshändig ist oder ob es kreisförmig oder eckig ist, kurz: welche Form es hat.
Wegfolge Trojaburg: 5-2-3-4-1-6-11-8-9-10-7-12

Grafik Trojaburg

Grafik Trojaburg

Der Vergleich zeigt, dass Umgang 5 der “Einstieg” in beide Labyrinthe ist. Bei Chartres geht es weiter mit 4-3-2, bei der Trojaburg mit 2-3-4, also umgekehrt. Dann bei beiden 1-6-11. Danach bei Chartres 10-9-8, bei der Trojaburg 8-9-10, also wieder umgekehrt. Am Schluss bei beiden Typen 7-12, der Eintritt in die Mitte.
Einige Passagen sind identisch, an zwei Stellen ist die Reihenfolge vertauscht. Es ist also eine gewisse Ähnlichkeit zu finden.

Jetzt entwickeln wir aus dem Grundmuster im Chartres Typ (ohne die Barrieren) ein klassisches 11-gängiges Labyrinth (eben eine Trojaburg) in gewohnter Weise. Das Grundmuster wird in die eckige Form gebracht und die rechten Teile um einen Umgang nach unten abgesenkt. Es ist nun nicht mehr quadratisch, wie wir es sonst gewohnt sind, sondern rechteckig (doppelt so hoch wie breit) und zeigt wieder sein zentrales Kreuz. Aus dem kreisförmigen Modell mit größerer Mitte wird das Modell mit der kleinen Mitte.
Die Wegfolge in dieser Trojaburg ist identisch mit der im Chartres Labyrinth:
5-4-3-2-1-6-11-10-9-8-7-12
 

Grafik Trojaburg Typ Chartres

Grafik Trojaburg Typ Chartres

Ein solches Labyrinth gibt es meines Wissens bisher nicht. Und ob diese Zusammenhänge zwischen Trojaburg und Chartres den damaligen Baumeistern sowohl des Chartres Labyrinths als auch der Trojaburgen bekannt waren, wissen wir auch nicht.
Für mich ist jedenfalls klar: Es gibt eine größere Verwandtschaft zwischen den klassischen Labyrinthen und den mittelalterlichen als manche bisher angenommen haben.

Interessant wäre es auch zu erfahren, wann eigentlich die “Barrieren” im Labyrinth aufgetaucht sind. Denn die stellen eine Weiterentwicklung des klassischen Labyrinths dar.

Mögliche Fortsetzungen

  • Wie sieht die im Labyrinth Typ Otfrid verborgene Trojaburg aus?
  • Die Verwandtschaft des 7-gängigen Chartres Labyrinths (Typ Greys Court) mit dem klassischen 7-gängigen Labyrinth
  • Wie verwandle ich das 7-gängige klassische Labyrinth in ein Chartres Labyrinth?
  • Die Wegfolge im Chartres Labyrinth

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Heute sehen wir uns gewohnheitsmäßig eine große Menge von Spiel-Filmen an. Wir haben uns dadurch an Bilder gewöhnt, die sich bewegen. Dabei wissen wir aber, dass Spiel-Filme an sich nichts Anderes denn eine Vielheit einzelner, regungsloser Bilder sind. Die Illusion der Bewegung entsteht erst durch das schnelle Abspulen und die pausenlose Aufeinanderfolge der Bilder. Dieses einzelne, starre etruskische Fresko-Bild vom tanzenden Menschen-Paar will tief-gehend, mit offenen Sinnen und Einfühlungsvermögen betrachtet und erfasst werden, derart, als wäre es Bestandteil einer langen Bildersequenz, eines Spiel-Filmes eben. Diesen können wir versuchen in unserer Imagination wachzurufen und abzuspielen. Es liegt also an uns, das im Tanzschritt erstarrte Paar vor unserem inneren Auge schreitend und schwingend hin und her drehend lebendig werden zu lassen. Ja, die feinen Töne, die begeisternden Klänge der mecher/etruskischen Musik mitzuhören. Und selbst den Duft der würzigen Kräuter und Harze des Räucherwerkes nachzuempfinden, das bei solchen Festanlässen den Geistwesenheiten als Opfergabe dargeboten wurde.

Welche Elemente bietet den Betrachtenden das Fresko des “Tanzenden Menschen-Paares”? Auf der linken Seite des Bildes ist die Tänzerin, ihr gegenüber, auf der rechten, der Tänzer zu sehen. Dieser ist im Begriff einen, auf seine Partnerin gerichteten, Vorwärtsschritt mit dem rechten Fuß zu tun: er geht auf sie zu. Seine rechte Schulter ist dabei nach vorne gedreht, der Arm leicht angewinkelt und die Handfläche betont vorgestreckt gehalten, so als würde er seiner Partnerin eine Ikone zeigen oder einen Spiegel vorhalten wollen. Sein linker Arm folgt dieser Vorwärtsbewegung in natürlicher Körperhöhe, hinten gehalten, und bei angewinkelt (Winkelzeichen!) balancierter Haltung. Die Gestalt der Tänzerin erscheint in einer komplementären Art zu der Gestalt des Tänzers. Sie scheint eine Drehbewegung auszuführen. Aber keine luftige, aufwärts gerichtete, sondern eine bodenbezogene, wohlgeerdete, bei leicht breitbeiniger, das Becken und die Knie hervorhebenden Haltung. Ihre beiden Arme sind dabei angewinkelt; der linke Arm vorne auf die Hüfte gestützt, der rechte komplementär dazu hinten nach oben gerichtet. Die Tänzerin ist von heller Hautfarbe und mit einem warmen hellrotfarbenen, bodenlangen Kleid bekleidet, das ergänzt wird von einer dunkelroten Weste. Von der selben Farbe ist das ihre Hüft-Mitte umspannende und betonende Gürtel-Band (heiler Bogen!) sowie der untere Rand ihres Kleides. Punkte/Kerne/Samen, wie sie auch auf dem schärpeartigen, wellenförmig fallenden Kleidungsstück des Tänzers zu sehen sind, aber etwas dichter gesetzt, befinden sich auf den Ärmeln und im unteren Bereich ihres Kleides, von den Knien abwärts bis zum abschließenden dunkelroten Band. Unterhalb des die Körper-Mitte betonenden Gürtels ist das Kleid der Tänzerin bis etwa in Kniehöhe mit zahlreichen MYŠ-TER-UM Zeichen übersät. Es ist dies der fruchtbare Körperbereich der Frau, der des Gebärmutter-Knäuels, in dem das Andere, das menschliche Ebenbild, eben, das Kind entsteht. Deswegen erscheint das Zeichen treffend nur in diesem mittleren Körperbereich. Das Stoffband, das den Tänzer mit sonnen-geröteter Hautfarbe kleidet ist hingegen von kühler, komplementärer himmelblauer Färbung und weist ein cremefarbenes Randband auf, das von roten Punkten/Kernen/Samen in regelmäßigen Abständen serienmäßig ausgefüllt wird. Die Gesichter des mecher/etruskischen Tänzerpaares sind zueinander gewandt, ja, das Paar ist im Blick-Kontakt. Ihre vom Feuer der Leidenschaft glühenden Blicke begegnen sich und verschmelzen im Wirbel des Tanzes. Im hüftwiegenden Tanzen des Paares wohnt erotische Spannung inne. Diese Eros-bewirkte Spannung der Anziehung befindet sich in Resonanz mit der rhythmisch schwingenden Realität des Paarungsaktes, der von den Etruskern immer wieder in seiner schlichten Natürlichkeit dargestellt wurde. Beispielsweise in der “Tomba dei Tori“ oder auf der Oinochoe von “Tragliatella“. Und dies ist jener heilige Schlüsselakt, der, im erotischen PIR/Für/Feuer/fire/vuur der Ekstase, die Kontinuität des Menschengeschlechts auf Erden sichert. Er ist die Ursache unseres Daseins.

Das Hauptanliegen, die vordergründige Sendung des Bildes ist Bewegung, genauer noch: Paar-Tanz-Bewegung. Diese Sendung ist verschmolzen mit der roten Farbe. Das von der “starken Kraft” (mag. ERŐ~S ERŐ) getriebene tanzende Paar kreist und pendelt, gleichzeitig, hin und her. Ihre Tanzbewegung ist somit kreis-pendelnd; genauso wie die Gehbewegung im Ur-Labyrinthos, dem Gehstrom-Alternator. In diesem Lichte und in diesen Zusammenhängen will das “Grundzeichen” MYŠ-TER-UM verstanden werden. Der Tanz, das Tanzen lebt von der Musik. Die im Fresko-Bild unsichtbare, nur erahnbare rhythmische Tanzbewegung des Paares ist Reagieren auf Musik; in Resonanz treten mit ihrer sich in Rhythmus, Melodie und Klangfarbe manifestierenden Har~monie (mag. HÁR-MAN “zu dritt”). Der “Klang-Strom” (mag. HANG-ÁR) sublimer, heilsamer Musik penetriert den Menschen. Sie beglückt und verzaubert ihn seit ewigen Zeiten. Und regt ihn an zum Tanzen. Ohne ihr könnten weder Ger~aŋos/Ker~ingés, Sir~taki, Hor~a/ Hor~ă, Csár~dás, noch Wal~zer/Ker~ingő oder Tango-Runden getanzt werden.

Wenn man die weit-verbreitete Präsenz des “Grundzeichens” MYŠ-TER-UM im alten Europa bedenkt und sich zugleich die Tatsache vergegenwärtigt, dass die Menschheit seit gut hundert-fünfzigtausend Jahren die Lautsprache pflegt, gelangt man zwangsläufig zu der Folgerung, dass das “Grundzeichen” konkrete, lautspracheneigene Inhalte reflektiert haben muss. Es scheint mir nur natürlich, dass das Bildhafte im Lautsprachlichen reflektiert vorkommt. Ja sogar, dass der Ursprung des graphischen “Grundzeichens” in lautsprachlichen Inhalten wurzelt. Diese Verbindung kann, m. E., unmöglich ignoriert werden. Es scheint mir nur natürlich, dass Gedanken, die zunächst einmal immateriell, im Lautsprachlichen geäußert wurden, anschließend dann eine entsprechende bildhafte Darstellung erhalten haben. Dies ist im Übrigen auch der Entstehungsweg der Schrift. Das lautsprachliche Zeichen, das vom Menschen seit alt-steinzeitlichen Urzeiten artikulierte Wort, wurde erst in jüngerer Zeit mit einem entsprechenden Bild reflektiert.

Das Kreuz-geprägte “Grundzeichen” MYŠ-TER-UM ist Ausdruck des großen Themas von zyklischer (gr. kyklos “Kreis”) Lebenswerdung und -Kontinuität. MYŠ-TER-UM/ Mysterium ist wohl-intonierter Wortausdruck des Gedankens der Kontinuität vom menschlichen Leben auf Erden. Und ist seinem Wesen nach vertraut ge~heim~nisvoll, erschöpfend kaum erklärbar. Trotz aller Einblicke der modernen Naturwissenschaft bleibt es das weiterhin. Kreu~z + (mag. KER~ESZT) und Krei~s o (mag. KÖR) sind zusammengehörig. Etymologisch sind es, wie wir erfahren haben, Varianten des selben Urwortskern-Archetypen GAR/HAR/KÖR. Den Ur-Bogen bildet die heile Laufbahn des Sonnen-Kreises am Himmelsgewölbe. Die in der Natur sich auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig äußernde, dynamische Realität des “heilen Bogens, Jahres, Gürtels” (mag. ÉP ÍV, ÉV, ŐV; in der LABYRINTHOS – Urwortskern-Sequenz im Kern AB gespeichert), ist im Gehirn des Menschen engrammiert. Bereits seit Anbeginn seiner Existenz auf Erden. Und seit dem er begonnen hat die Lautsprache zu pflegen, hat er allmählich auch die Fähigkeit erlangt diesen Gedankenkreis stimmig und klanglich hörbar zu artikulieren. Das seit gut 7000 Jahren zirkulierende, Kreuz-geprägte “Grundzeichen” bildet daher ein Sinnzeichen, das vom sprechenden, in lautsprachlichen Kriterien denkenden Urmenschen analog zu Wortinhalten gezeichnet wurde. Dieser Zusammenhang scheint mir von wesentlicher Bedeutung zu sein. Die Annahme, dass das “Grundzeichen” als pures Ornament, ohne jeglichen Zusammenhang zu lautsprachlichen archetypischen Inhalten, hätte gezeichnet werden können, halte ich für unrealistisch. Im Übrigen, wenn man das auf alteuropäischen Kultobjekten dargestellte “Grundzeichen” einmal aufmerksam betrachtet, wird man überrascht sein entdecken zu können, dass der heile Bogen schon daselbst, in allernächster Nähe des Kreuzes, vorhanden ist. Nämlich als kreisrunde Randlinie vom Siegel bzw. Wasserbecken, die das “Grundzeichen“ tragen. Als dann die Vorstellung der Erweiterung des “Grundzeichens“ heran-gereift war, hat die selbe kreative menschliche Intelligenz, die die Benennung und Zeichnung des “Grundzeichens” MYŠ-TER-UM veranlasst hatte, die Integrierung der Realität des heilen Bogens ins “Grundzeichen” mit-veranlasst. Es fand somit nur eine geänderte, fraktionierte Anwendung des heilen Bogens statt. Aus dem Anfangs als Rahmen benutzten Element wurde nun ein zentrales, Verbindungen herstellendes Bauelement. Diese Anwendungsverschiebung des heilen Bogens bildet einen naturgemäßen, ganzheitlich ergänzenden, zyklische Wachstumsbögen manifestierenden Erweiterungsakt. Das Ergebnis dieses dynamischen, Erweiterung gekennzeichneten Wachstumsprozesses ist die allen wohl-bekannte geometrische Figur des Ur-Labyrinthos. Wesentlich scheint mir dabei die Tatsache, dass durch diesen Erweiterungsprozess nichts Geringeres vollbracht wurde, als die Transformation der geraden Linien (des Kreuzes und der Winkelzeichen) in gekrümmte. Und damit ist in Urzeiten jene Erkenntnis bildhaft kundgetan worden, die erst in neuerer Zeit, im Rahmen der modernen Physik, ihre ausgereifte Formulierung erhalten hat.

Die Frage, wann und wo dieser Erweiterungsakt des “Grundzeichens“ MYŠ-TER-UM zur Ur-Labyrinthos-Figur geschah, beschäftigt viele Menschen, die heutzutage das Labyrinthos kultivieren. Auch wird von ihnen ein materiell dokumentierter Nachweis erwartet, erhofft. Aber eine Darstellung, die den Übergang vom “Grundzeichen“ MYŠ-TER-UM zur Ur-Labyrinthos-Figur zeigt, ist bis heute noch nicht aufgefunden worden. Ich denke, wir sollten zunächst dankbar sein für diese durch Unschärfe gekennzeichneten Antworten, die wir durch analog folgernde Denkweise erhalten können. Diese an und für sich verständliche Erwartungshaltung des heutigen Menschen, der in der Gewohnheit der durch Schärfe gekennzeichneten Informationen lebt, scheint mir ungeeignet. Ein solches Kulturgut wie das LABYRINTHOS, dessen lautsprachliche, immaterielle Grundlagen weit zurück im Paläolithikum wurzeln und dessen sichtbare graphische Grundlagen ein gut siebentausendjähriges Alter aufweisen, mit den durch Schärfe gekennzeichneten Maßstäben heutiger Zeit messen zu wollen scheint mir unangebracht. Ehrlich gesagt, die Frage nach wann und wo scheint mir eher von zweitrangiger Bedeutung zu sein. Wichtig hingegen erscheint mir die Gegebenheit, dass es geschah. Und daran kann kaum gezweifelt werden. Wer weiß, vielleicht haben wir Glück und erhalten eines Tages doch noch die erwünschten genauen Informationen über Entstehungszeitpunkt und -Ort dieses zur Ur-Labyrinthos-Figur führenden Erweiterungsaktes.

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