Ist im Chartres Labyrinth eine Trojaburg verborgen und wenn ja, wie sieht diese aus?
Geschrieben in der Kategorie Labyrinth Schlagworte: 11-gängiges Labyrinth, Grundmuster, klassisches Labyrinth, Rasenlabyrinth, Wegfolge am 29. Mai 2011 Kommentar »
Gibt es eine Verwandtschaft zwischen dem 11-gängigen Chartres Labyrinth und den in Schweden meistens 11-gängigen Trojaburgen?
Welche Beziehung besteht da? Gibt es überhaupt eine?
Wie kann man nun die beiden Typen unterscheiden, bzw. miteinander vergleichen?
Dazu muss man beide etwas umformen. Chartres hat einige spezielle Eigenschaften, die es auch von den anderen mittelalterlichen Typen unterscheidet, zu denen es auch gehört. Das sind die sechs kreisförmigen Elemente in der Mitte und die Umrandung mit den 113-Zacken.
Charakteristisch für die mittelalterlichen Typen sind auch die “Barrieren” in den Wegen, die jeweils eine Wendung um 180° bewirken. Bei Chartres sind sie in den beiden waagrechten Achsen und im oberen Teil der senkrechten Achse angeordnet. Spekulationen, ob das die Kreuzigung oder Christianisierung des Labyrinths bedeutet, können wir uns sparen. Das kann sein, muss aber nicht. Denn die Achsen könnten auch in anderen Winkeln angeordnet sein und würden die gleiche Wegfolge erzielen.
Besonders charakteristisch für alle Labyrinthtypen ist die Linienführung der Umgänge, die sich in der Wegfolge ausdrückt: das ist die Reihenfolge, in der die einzelnen Umgänge nacheinander begangen werden.
Und das ist entscheidend. Denn darin drückt sich der Rhythmus oder die Melodie, wenn nicht sogar die Dramaturgie der Wegführung eines Labyrinths aus.
Können wir die Barrieren weglassen und haben wir dann immer noch ein Labyrinth? Oder anders ausgedrückt: Können wir aus dem 4-achsigen Labyrinth ein einachsiges machen? Ja, es geht beim Typ Chartres. Nicht bei jedem mittelalterlichen Labyrinth (z.B. beim Typ Reims) gelingt das. Das deutet schon darauf hin, von welch hoher Qualität der Chartres Typ ist.
Wie sieht dann die Wegfolge aus? In der nachfolgenden Grafik ist das abzulesen.
Gleichzeitig ist in der Grafik das im Labyrinth steckende Grundmuster für die Begrenzungslinien durch die schwarzen Linien kenntlich gemacht. Damit wird das Chartres Labyrinth vergleichbar mit der Trojaburg.
Wegfolge Chartres: 5-4-3-2-1-6-11-10-9-8-7-12
In der Grafik der Trojaburg ist ebenfalls das darin enthaltene Muster deutlich gemacht. Um es mit Chartres vergleichbar zu machen, ist es an die kreisförmige Form angepasst. Die Wegfolge bleibt dabei erhalten. So wie es auch egal ist, ob das Labyrinth rechts- oder linkshändig ist oder ob es kreisförmig oder eckig ist, kurz: welche Form es hat.
Wegfolge Trojaburg: 5-2-3-4-1-6-11-8-9-10-7-12
Der Vergleich zeigt, dass Umgang 5 der “Einstieg” in beide Labyrinthe ist. Bei Chartres geht es weiter mit 4-3-2, bei der Trojaburg mit 2-3-4, also umgekehrt. Dann bei beiden 1-6-11. Danach bei Chartres 10-9-8, bei der Trojaburg 8-9-10, also wieder umgekehrt. Am Schluss bei beiden Typen 7-12, der Eintritt in die Mitte.
Einige Passagen sind identisch, an zwei Stellen ist die Reihenfolge vertauscht. Es ist also eine gewisse Ähnlichkeit zu finden.
Jetzt entwickeln wir aus dem Grundmuster im Chartres Typ (ohne die Barrieren) ein klassisches 11-gängiges Labyrinth (eben eine Trojaburg) in gewohnter Weise. Das Grundmuster wird in die eckige Form gebracht und die rechten Teile um einen Umgang nach unten abgesenkt. Es ist nun nicht mehr quadratisch, wie wir es sonst gewohnt sind, sondern rechteckig (doppelt so hoch wie breit) und zeigt wieder sein zentrales Kreuz. Aus dem kreisförmigen Modell mit größerer Mitte wird das Modell mit der kleinen Mitte.
Die Wegfolge in dieser Trojaburg ist identisch mit der im Chartres Labyrinth:
5-4-3-2-1-6-11-10-9-8-7-12
Ein solches Labyrinth gibt es meines Wissens bisher nicht. Und ob diese Zusammenhänge zwischen Trojaburg und Chartres den damaligen Baumeistern sowohl des Chartres Labyrinths als auch der Trojaburgen bekannt waren, wissen wir auch nicht.
Für mich ist jedenfalls klar: Es gibt eine größere Verwandtschaft zwischen den klassischen Labyrinthen und den mittelalterlichen als manche bisher angenommen haben.
Interessant wäre es auch zu erfahren, wann eigentlich die “Barrieren” im Labyrinth aufgetaucht sind. Denn die stellen eine Weiterentwicklung des klassischen Labyrinths dar.
Mögliche Fortsetzungen
- Wie sieht die im Labyrinth Typ Otfrid verborgene Trojaburg aus?
- Die Verwandtschaft des 7-gängigen Chartres Labyrinths (Typ Greys Court) mit dem klassischen 7-gängigen Labyrinth
- Wie verwandle ich das 7-gängige klassische Labyrinth in ein Chartres Labyrinth?
- Die Wegfolge im Chartres Labyrinth
Verwandte Artikel
- Das verrückte Labyrinth
- Das kreisförmige klassische Labyrinth
- Das runde klassische Labyrinth
- Ein 7-gängiges, zentrierte mittelalterliche Labyrinth (Greys Court)
- Die Linien in einem Labyrinth
- Wie zeichne ich ein klassisches Labyrinth?
- Wie baue ich ein Labyrinth (Trojaburg)?
- Wie lang ist der Weg im Chartres Labyrinth?
- Wieviele Zacken hat das Chartres Labyrinth?










