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Dass das Labyrinth mit dem Mäander zu tun hat, wissen alle Labyrinthenthusiasten.
Dass das Urlabyrinth (auch kretisches oder klassisches Labyrinth genannt) aus zwei aneinandergefügten Mäandern besteht, wussten schon die alten Griechen und Römer und heutzutage die Labyrinthexperten. 
Wie aus dem Mäander (durch drehen) ein Labyrinth wird, ist bekannt.
Dann müsste sich doch auch umgekehrt ein Mäander aus dem Labyrinth herausholen lassen?
Wie ein experimenteller Labyrinthologe das macht, wird hier nachvollziehbar gezeigt.

Zwischenbemerkung für Ilse und alle Anhängerinnen der gendergerechten Sprache:
Wenn hier steht “die”, ”man”, “jene”, “alle”, “wer”, “jemand” ist immer gemeint und miteingeschlossen: Mann, Frau, Kind, alt, jung, reich, arm, gebildet, ungebildet, Besucherinnen, Enthusiastinnen, Expertinnen, Griechinnen, Römerinnen, Labyrinthologinnen, Lehrerinnen, Leserinnen usw..

Vor zwei Jahren haben wir in Schwäbisch Hall gegenüber der Comburg ein kretisches Labyrinth besucht. Etwas unterhalb am Berg steht eine alte romanische Kirche. Der Altarraum war im 19. Jh. historisierend ausgemalt worden und da fiel mir auch ein dreidimensionaler Mäander auf.

Labyrinth Schwäbisch Hall

Labyrinth Schwäbisch Hall

Mäander Schwäbisch Hall

Mäander Schwäbisch Hall

Mäander Uniklinik

Mäander Uniklinik

Mäander Türnich

Mäander Türnich

Als ich wegen meinem Herzen 2008 in der Uniklinik Würzburg war, ist mir auf dem Fußboden im Treppenhaus von Bau D20 ebenfalls der Mäander über den Weg gelaufen, vielmehr ich über ihn.
Vor einigen Monaten haben wir beim Besuch des neuen kretischen Labyrinths auf Schloss Türnich in Kerpen im Hofcafé und Hofladen an den Wänden dieses schöne Mäanderband gesehen.
Labyrinth Schlosspark Türnich

Labyrinth Schlosspark Türnich

Hofcafé Türnich

Hofcafé Türnich

Und erst vor drei Tagen ist mir in Würzburg dieses wunderbare, weil “richtige” Mäanderband an einem Haus aufgefallen. In Sichtweite zum Labyrinth im Haus St. Benedikt, das Beatrice um 1990 dort angelegt hat.
Mäanderband Würzburg

Mäanderband Würzburg

Labyrinth Haus St. Benedikt

Labyrinth Haus St. Benedikt

Wie geht das?

Wer es besser verstehen möchte, kann das Ganze auf einem Blatt Papier (am besten kariert) und mit Bleistift nachvollziehen. Ich habe es im Grunde auch so gemacht.

Zunächst der Überblick:

Übersichtszeichnung

Übersichtszeichnung

Das (hier eckige) 7-gängige Labyrinth kann man aus dem wohlbekannten Grundmuster entwickeln. Die Begrenzungslinien und der Ariadnefaden (der Weg) sind gleich breit und damit gleichberechtigt in der Darstellungsform. Der Ariadnefaden ist schwarz und die Begrenzungslinien sind weiß, bzw. weggelassen.

Der Ariadnefaden im Labyrinth

Der Ariadnefaden im Labyrinth

Aus dem Labyrinth erzeuge ich ein Diagramm in Rechteckform. Wie das geht und zu verstehen ist, habe ich schon früher einmal beschrieben (hier der Link zum Artikel). Das Diagramm könnte man auch als Ablaufplan, Fahrplan, Formel, Gebrauchsanweisung, Legende, Malen nach Zahlen, Schnittmusterbogen, Strukturplan, Wegplan, Zeichenerklärung o.ä. bezeichnen. Vielleicht hilft so eine Bezeichnung eher beim Verständnis?

Das Diagramm

Das Diagramm

Das Diagramm ist eine Abbildung des Labyrinths in rechteckiger, schematischer Form. Die Wege sind verzerrt und entsprechen nicht den tatsächlichen Längen. Das wesentliche aber ist zu sehen, nämlich die Wegstruktur: die Wegfolge, die Richtungswechsel, die Wegachsen.
Die Umgänge sind von außen nach innen nummeriert. Die Reihenfolge, in der die Umgänge abgeschritten werden, ergibt die inzwischen wohlbekannte Wegfolge: A-3-2-1-4-7-6-5-Z. Die soll uns bei der Umwandlung helfen.
Anhand der Zahlen kann man sich orientieren und den Verlauf des Weges verfolgen. Alle, die schon einmal ein Labyrinth in den Schnee getreten haben oder den Ariadnefaden in einem Zug auswendig zeichnen können, haben das verinnerlicht.

Das Diagramm nach oben verlängert

Das Diagramm nach oben verlängert

Jetzt quetsche ich die Wegstruktur seitlich zusammen auf die kleinste mögliche Breite. Sie ist nun noch verzerrter, aber immer noch richtig. Ich habe praktisch aus dem Labyrinth zwei einzelne und identische Mäander erzeugt: die Bahnen 1-2-3 und 5-6-7, die über 4 verbunden sind.
Dann setze ich nach oben den Weg aus dem Labyrinth heraus an. Der entspricht dem Weg hinein in gespiegelter Form. Das Ergebnis sind vier aufeinander folgende Mäander: ein Mäanderband.

Diese Darstellung drehe ich jetzt um 90 Grad nach rechts und erhalte das gedrehte, quer verlaufende Mäanderband. An den Zahlen kann ich die Wegfolge ablesen. Dabei stelle ich auch fest, dass ich vier identische Elemente vor mir habe. Jedes einzelne Element ist ein Mäander und aus diesen ist das Labyrinth, genauer gesagt, der Ariadnefaden im Labyrinth, zusammengesetzt. Der Weg in ein Labyrinth hinein und wieder heraus entspricht somit einem Weg durch vier Mäander. Zwar nicht in der Länge, aber in der Wegfolge und der Struktur. Dadurch erkenne ich die Beziehung zwischen Mäander und Labyrinth.

Das Mäanderband ist die Darstellung des Ariadnefadens in linearer Form.

Das gedrehte Mäanderband

Das gedrehte Mäanderband

Mäanderband Würzburg

Mäanderband Würzburg

Wenn ich das Diagramm mit den Fotos von den Mäandern oben vergleiche, stelle ich fest, dass die Linienführung übereinstimmt. Der Mäander kann auch von rechts nach links laufen, dann ist er gespiegelt. Oder er kann verdreht sein. Jedoch bleibt die Wegfolge immer die gleiche. Darauf allein kommt es an. 
Nur der Mäander von der Uniklinik passt nicht. Das bedeutet, dass nicht jedes Mäandermuster für ein Labyrinth geeignet ist.

Chiotischer Kelch 600 v. Chr.

Chiotischer Kelch 600 v. Chr.

Diesen Chiotischen Kelch (Inv. Nr. L 128) aus der Zeit um 600 v. Chr. habe ich in der Antikensammlung des Richard von Wagner Museums der Universität Würzburg gefunden. Darauf ist ein schöner Mäander zu sehen.

Ist das ein Labyrinth, und wenn ja … wie viele Umgänge hat es?

Das ist die Hausaufgabe für Sie/Euch liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs.

Schon verschiedene Male hatte ich hier im Blog über das Schwanberglabyrinth geschrieben. Unter anderem auch, dass es kein “echtes” römisches Labyrinth wäre. Das stimmt nicht, wie ich jetzt erkennen musste. Im Zuge der Nachforschungen über das Wiesenbronner Labyrinth auf dem Antependium in Hermann Kerns Buch Labyrinthe und auf der Website von Andreas Frei habe ich das richtige “Vorbild” für diesen Typ gefunden.

Hier als erstes noch einmal die ursprünglichen Entwürfe für das Schwanberglabyrinth.

Der 1. Entwurf vom Jan. 1995

Der 1. Entwurf vom Jan. 1995

Der endgültige Entwurf vom März 1995

Der endgültige Entwurf vom März 1995

Das römische Labyrinth, das als erstes mit Mäandern konstruiert wurde, stammt aus der Zeit um 250 n.Chr. und ist erhalten in einem Mosaiklabyrinth in Avenches (Aventicum) in der Schweiz auf. Es ist ein rundes Labyrinth und gehört zum >Winde-Vielmustermosaik<. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S. 120)
Mosaiklabyrinth Avenches

Mosaiklabyrinth Avenches (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 119)

Man erkennt unten links den Eingang, dann geht es gegen den Uhrzeigersinn herum von einem Sektor zum anderen. Die weißen Steine bilden den Weg.

Hier ist eine Schemazeichnung, allerdings in gespiegelter Form:

Die Schemazeichnung

Die Schemazeichnung

Die Sektoren werden nun im Uhrzeigersinn durchgangen. Die für dieses Labyrinth typische Wegfolge lautet: A-5-2-3-4-1-5-2-3-4-1-5-2-3-4-1-5-2-3-4-1-Z.

Wir haben ein römisches oder Sektorenlabyrinth vor uns, das in vier Mäandern zur Mitte führt. Da der historisch erste sichere Nachweis das Mosaiklabyrinth aus Avenches von 250 n.Chr. darstellt, schlägt Andreas Frei als Namen für diesen Typ Labyrinth Avenches (250) vor.

Vergleicht man damit nun den obigen endgültigen Entwurf von 1995 für das Schwanberglabyrinth, stellt man fest, dass es einen Umgang mehr hat. Dieser führt gegen den Uhrzeigersinn einmal um das ganze Labyrinth herum.

Das reale Schwanberglabyrinth

Das reale Schwanberglabyrinth

Was vielleicht das Erkennen des Musters noch erschwert, ist die Tatsache, dass beim Schwanberglabyrinth die Wege zu sehen sind und nicht die Begrenzungen. Die fehlen völlig. Zudem ist die Wegführung mehr ausgerundet und die Übergänge von einem Sektor zum anderen schräg verlaufend. Das Labyrinth ist einfach ziemlich freihändig (besser: freifüßig) auf die Wiese übertragen worden.

Hier ein Blick auf eine geometrisch korrekte Zeichnung, aber mit gleichbleibender Wegbreite und ausgerundeten Richtungswechseln. Da lässt sich schon eher das Wegsystem erkennen.

Der Ariadnefaden

Der Ariadnefaden

Ich kann mir vorstellen, dass man durch eine intensive Beschäftigung mit dem Labyrinth quasi von selbst auf die Idee mit den verschlungenen Mäandern kommen kann und die Erbauerinnen und Erbauer das Schwanberglabyrinths diesen Typ entwickelt haben, ohne eine Vorlage gesehen zu haben.

Im Schwanberglabyrinth steckt trotzdem ein römisches Labyrinth.

Verwandte Links

Das runde klassische Labyrinth

Das klassische Labyrinth in runder Form hatten wir schon in einem vorhergehenden Artikel.

Wenn man die Linien um die vier Wendepunkte herum etwas weniger ausrundet, also strenger in der Linienführung ist, zeigt sich in diesem Labyrinth eine gewisse Mäanderform. Tatsächlich läßt sich dieses Labyrinth aus zwei Doppelmäandern entwickeln.

Ein rundes klassisches Labyrinth

Ein rundes klassisches Labyrinth

Wie aus einem Mäandermuster ein Labyrinth entsteht, zeigt die nachfolgende Flash-Animation:

Wer gerne ein solches Labyrinth bauen möchte:

Bitte, hier ist die Konstruktionszeichnung als PDF-Datei zum anschauen, drucken oder kopieren.

Bau D20: Vorblick

Bei meinen Rundgängen innerhalb der Klinik bin ich auch auf diesen Bodenbelag in einem Treppenhaus gestoßen. Zwar kein Labyrinth, aber immerhin ein Hinweis darauf. Denn auch das Mäandermuster hat etwas mit dem Labyrinth zu tun. Und vielleicht ein Hinweis auf das neue ZIM nächstes Jahr, das ja mit einem echten Labyrinth dienen kann?

Mäandermuster

Wo geht der Weg hin?

Wie aus einem Mäandermuster ein Labyrinth entsteht, zeigt die nachfolgende Flash-Animation: