Das Labyrinth auf dem Antependium der Wiesenbronner Kirche zum Hl. Kreuz
Geschrieben in der Kategorie Labyrinth Schlagworte: Andreas Frei, Antonio Averlino, Antonio Maria Viani, Dampierrre-sur-Boutonne, Emblem, Giulio Romano, Gonzaga, Imprese, Mantua, Muster, Pfr. Horst Beyer, Sala del Labirinto, Sala di Psiche, Sektorenlabyrinth, Typ Filarete, Volker Brüggemann am 13. November 2011 Kommentar »
Während der “grünen” Kirchenjahreszeit hängt in der Wiesenbronner Kirche ein Antependium (Altarbehang), auf das ein Sektorenlabyrinth gestickt ist.
Ich bin darauf gestoßen, als ich das Wiesenbronner Weinlabyrinth besucht habe. Es ist eine ungewöhnliche Darstellung und ich habe versucht, mehr darüber herauszubekommen.
Es wurde wohl zwischen 1960 und 1970 unter Pfarrer Horst Beyer angeschafft. Hergestellt wurde es in der Paramentenwerkstatt der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt Neuendettelsau, wie ein Etikett auf der Rückseite aussagt.
Pfarrer Horst Beyer war bis zu seinem Tod im Jahre 1986 in Wiesenbronn tätig. Dort ist er auch auf dem Friedhof beerdigt und auf seinem Grabstein findet sich ein weiteres Zeichen seiner Wertschätzung für das Labyrinth. Auf der Rückseite ist nämlich der Ariadnefaden des auf drei Umgänge reduzierten Labyrinths eingemeißelt.
Welcher Labyrinth Typ ist das?
Die äußere oder geometrische Form ist für die Klassifizierung unerheblich. Ein Labyrinth kann also rund, rechteckig, oktogonal oder polygonal sein, kann rechts- oder linksläufig sein. Entscheidend ist die Wegfolge.
Das Labyrinth auf dem Antependium ist ein Sektorenlabyrinth mit 5 Umgängen. Dabei werden die Sektoren der Reihe nach vollständig absolviert. Hier verläuft der Weg abwechselnd serpentinenförmig von innen nach außen (1. und 3. Sektor) und dann von außen nach innen (2. und 4. Sektor).
In der Wegfolge drückt sich das so aus: Anfang-5-4-3-2-1-2-3-4-5-4-3-2-1-2-3-4-5-Zentrum. Das ist demnach eine ganz andere Linienführung oder ein ganz anderer Rhythmus als beim klassischen oder beim Chartres Labyrinth.
Wo kommt dieser Typ her?
Andreas Frei aus der Schweiz hat sich auf seiner Website über das Muster im Labyrinth sehr ausführlich mit den historischen Labyrinthen und ihrer Klassifizierung befaßt. Dabei schlägt er auch eigene Namen für die verschiedenen Labyrinth-Typen vor. Demnach müsste “unser” Labyrinth als Typ Filarete (1465) bezeichnet werden. Weil es erstmals als Zeichnung in einem Buch des Florentiner Architekten Antonio Averlino (Filarete genannt) über die Architektur (Tratto di Architectura) 1465 aufgetaucht ist. Darin wird ein quadratisches Labyrinth aus Wassergräben um eine 16 Stockwerke hohe Stufenpyramide als Kastell für den Hafen Plusiabolis abgebildet.
Wo gibt es diesen Typ noch?
Gleich acht achteckige Fußbodenlabyrinthe gibt es im Palazzo del Te im Sala di Psiche (vollendet 1530), einem Lustschloss des Grafen Federigo II. Gonzaga vor den Toren Mantuas. Der Entwurf stammt wohl ursprünglich von Giulio Romano, auch wenn Paolo Pozzo 1784 die Fußböden restauriert hat. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S. 281)
Ein Deckenlabyrinth mit gleicher Linienführung findet sich in der Sala del Labirinto im Palazzo Ducale in Mantua . Der Saal wurde 1601 vom Architekten Antonio Maria Viani für Herzog Vinzenzo IV. Gonzaga umgebaut. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S. 284)
Ein zeitgenössisches Beispiel für die Anwendung des Labyrinthtyps ist die Plastik >Wasserlabyrinth< des Bildhauers Volker Brüggemann. Sie ist aus Kornberger Sandstein und soll im Frühjahr 2012 im Schilde-Park in Bad Hersfeld als Brunnen aufgestellt werden.
Wie kam aber dieser Typ auf das Antependium?
Bei meinem Nachforschungen bin ich bei Hermann Kern noch auf eine Abbildung gestoßen, die als Vorlage gedient haben könnte. Embleme und Impresen kamen im 16. Jahrhundert in Mode und sind in zahlreichen Emblembüchern abgebildet. Auch das Labyrinth war dabei in den verschiedensten Ausführungen als Sinnbild beliebt.
Ein Labyrinth mit der Devise >Fata viam invenient< (Schicksale werden den Weg finden) gibt es als Relief-Emblem an der Decke einer Loggia des Schlosses Dampierre-sur-Boutonne (1545-1550) in Frankreich. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S. 287)
Pfr. Beyer kannte sicher nicht das Buch von Hermann Kern, das ja erstmals 1982 erschienen ist. Aber vielleicht hatte er Zugang zu einem Emblembuch mit der Abbildung?


























