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Während der “grünen” Kirchenjahreszeit hängt in der Wiesenbronner Kirche ein Antependium (Altarbehang), auf das ein Sektorenlabyrinth gestickt ist.

Der Altar mit dem Antependium

Der Altar mit dem Antependium

Ich bin darauf gestoßen, als ich das Wiesenbronner Weinlabyrinth besucht habe. Es ist eine ungewöhnliche Darstellung und ich habe versucht, mehr darüber herauszubekommen.

Das Sektorenlabyrinth auf dem Antependium

Das Sektorenlabyrinth auf dem Antependium

Es wurde wohl zwischen 1960 und 1970 unter Pfarrer Horst Beyer angeschafft. Hergestellt wurde es in der Paramentenwerkstatt der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt Neuendettelsau, wie ein Etikett auf der Rückseite aussagt.

Etikett auf der Rückseite

Etikett auf der Rückseite

Pfarrer Horst Beyer war bis zu seinem Tod im Jahre 1986 in Wiesenbronn tätig. Dort ist er auch auf dem Friedhof beerdigt und auf seinem Grabstein findet sich ein weiteres Zeichen seiner Wertschätzung für das Labyrinth. Auf der Rückseite ist nämlich der Ariadnefaden des auf drei Umgänge reduzierten Labyrinths eingemeißelt.

Der Grabstein

Der Grabstein

Der Ariadnefaden

Der Ariadnefaden

Welcher Labyrinth Typ ist das?

Die äußere oder geometrische Form ist für die Klassifizierung unerheblich. Ein Labyrinth kann also rund, rechteckig, oktogonal oder polygonal sein, kann rechts- oder linksläufig sein. Entscheidend ist die Wegfolge.
Das Labyrinth auf dem Antependium ist ein Sektorenlabyrinth mit 5 Umgängen. Dabei werden die Sektoren der Reihe nach vollständig absolviert. Hier verläuft der Weg abwechselnd serpentinenförmig von innen nach außen (1. und 3. Sektor) und dann von außen nach innen (2. und 4. Sektor).
In der Wegfolge drückt sich das so aus: Anfang-5-4-3-2-1-2-3-4-5-4-3-2-1-2-3-4-5-Zentrum. Das ist demnach eine ganz andere Linienführung oder ein ganz anderer Rhythmus als beim klassischen oder beim Chartres Labyrinth.

Die Schemazeichnung

Die Schemazeichnung

Wo kommt dieser Typ her?

Andreas Frei aus der Schweiz hat sich auf seiner Website über das Muster im Labyrinth sehr ausführlich mit den historischen Labyrinthen und ihrer Klassifizierung befaßt. Dabei schlägt er auch eigene Namen für die verschiedenen Labyrinth-Typen vor. Demnach müsste “unser” Labyrinth als Typ Filarete (1465) bezeichnet werden. Weil es erstmals als Zeichnung in einem Buch des Florentiner Architekten Antonio Averlino (Filarete genannt) über die Architektur (Tratto di Architectura) 1465 aufgetaucht ist. Darin wird ein quadratisches Labyrinth aus Wassergräben um eine 16 Stockwerke hohe Stufenpyramide als Kastell für den Hafen Plusiabolis abgebildet.

Kastell für den Hafen Plusiapolis

Kastell für den Hafen Plusiapolis (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 343)

Wo gibt es diesen Typ noch?

Gleich acht achteckige Fußbodenlabyrinthe gibt es im Palazzo del Te im Sala di Psiche (vollendet 1530), einem Lustschloss des Grafen Federigo II. Gonzaga vor den Toren Mantuas. Der Entwurf stammt wohl ursprünglich von Giulio Romano, auch wenn Paolo Pozzo 1784 die Fußböden restauriert hat. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S. 281)

Palazzo del Te, Sala di Psiche

Palazzo del Te, Sala di Psiche (Quelle: Por Laberintos, Ramon Espelt S. 26, Barcelona 2010)

Ein Deckenlabyrinth mit gleicher Linienführung findet sich in der Sala del Labirinto im Palazzo Ducale in Mantua . Der Saal wurde 1601 vom Architekten Antonio Maria Viani für Herzog Vinzenzo IV. Gonzaga umgebaut. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S. 284)

Palazzo Ducale, Sala del Labirinto

Palazzo Ducale, Sala del Labirinto (Quelle: Por Laberintos, Ramon Espelt S. 26, Barcelona 2010)

Ein zeitgenössisches Beispiel für die Anwendung des Labyrinthtyps ist die Plastik >Wasserlabyrinth< des Bildhauers Volker Brüggemann. Sie ist aus Kornberger Sandstein und soll im Frühjahr 2012 im Schilde-Park in Bad Hersfeld als Brunnen aufgestellt werden.

Wasserlabyrinth

Wasserlabyrinth © Volker Brüggemann

Wie kam aber dieser Typ auf das Antependium?

Bei meinem Nachforschungen bin ich bei Hermann Kern noch auf eine Abbildung gestoßen, die als Vorlage gedient haben könnte. Embleme und Impresen kamen im 16. Jahrhundert in Mode und sind in zahlreichen Emblembüchern abgebildet. Auch das Labyrinth war dabei in den verschiedensten Ausführungen als Sinnbild beliebt.
Ein Labyrinth mit der Devise >Fata viam invenient< (Schicksale werden den Weg finden) gibt es als Relief-Emblem an der Decke einer Loggia des Schlosses Dampierre-sur-Boutonne (1545-1550) in Frankreich. (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, S. 287)
Pfr. Beyer kannte sicher nicht das Buch von Hermann Kern, das ja erstmals 1982 erschienen ist. Aber vielleicht hatte er Zugang zu einem Emblembuch mit der Abbildung?

Relief-Emblem

Relief-Emblem (Quelle: Hermann Kern, Labyrinthe, 1982, Abb. 360)

Das 3-gängige klassische Labyrinth

Das Labyrinth in seiner einfachsten Form besteht aus 3 Umgängen. Für manche ist es gar kein “echtes” Labyrinth, weil der Weg direkt in das Zentrum führt ohne erst näher und dann wieder weiter weg zu sein.

Da es aber keine allgemeingültige Definition für das Labyrinth gibt, dürfen wir das dreigängige doch als echt ansehen.

Das 3-gängige Labyrinth

Das 3-gängige Labyrinth

Wie entsteht es?

Das Grundmuster zur Erzeugung eines 7-gängigen, klassischen Labyrinths ist inzwischen wohl allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs bekannt. (Falls nein, bitte hier noch einmal nachschauen.)

Ein 3-gängiges, historisches Labyrintht gibt es nicht, es entsteht durch eine Reduzierung des Grundmusters. Läßt man dort die 4 Winkel weg, bleiben nur noch das Kreuz und die vier Punkte übrig.

Das Muster

Das Muster

Das erinnert mich an längst vergangene Kindertage, wo es hieß: Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. So einfach geht es aber auch mit dem Labyrinth, und darum ist es ein Kinderspiel, eines so zu zeichnen.

Der erste Bogen

Der erste Bogen

Der zweite Bogen

Der zweite Bogen

Der dritte Bogen

Der dritte Bogen

Der vierte Bogen

Der vierte Bogen

Es gibt aber noch andere Methoden, das Labyrinth zu zeichnen: In zwei Zügen z.B., also mit zwei Linien, die jeweils von einem Punkt zum anderen gehen. Am besten, Sie probieren das einfach einmal selbst auf einem Blatt Papier aus. So lange, bis es in Fleisch und Blut übergeht.

Tipp für Rechtshänder: Von links nach rechts zeichnen. Für Linkshänder gilt es umgekehrt. Die Linien dürfen dabei ruhig “krumm” werden.

Mit zwei Linien

Mit zwei Linien

Eine weitere Variante wäre, im zentralen Kreuzungspunkt zu beginnen und nach allen vier Richtungen zu zeichenen. Das hat durchaus praktische Bedeutung, wenn man z.B ein Labyrinth bauen möchte.
Mit vier Linien

Mit vier Linien

Jetzt darf natürlich die eleganteste Methode nicht fehlen. Nämlich das Labyrinth in einem Zug zu zeichnen. Dafür nehmen wir den Weg, den Ariadnefaden, den berühmten roten Faden.
Der Ariadnefaden

Der Ariadnefaden

Wer das jetzt noch spiegelverkehrt (und auswendig) schafft, sowie auch noch beim 7-gängigen Labyrinth, darf sich ruhig Labyrinthexperte nennen.

Hier ein paar Beispiele für 3-gängige Labyrinthe:

Keramik

Keramik

Kunst

Kunst

Grafik

Grafik

Das erste Bild zeigt einen Anhänger von Alexander Lautenbacher.
Das mittlere Bild zeigt das Schuhlabyrinth aus Schwäbisch Hall. Wer ganz genau hinschaut, erkennt, dass die vier “Schuhlinien” im zentralen Kreuzungspunkt beginnen (wie oben beschrieben).
Das letzte Bild zeigt die Grafik, die auf der Einladungskarte der Labyrinth Society zum diesjährigen Gathering zu sehen war. Das Labyrinth in zwei Linien.

Vor kurzem habe ich wieder einmal bei Wikipedia unter Labyrinth nachgeschaut. Im März 2009 hatte ich ja schon einmal darüber berichtet und mich lobend geäußert. Doch diesmal war ich sehr überrascht. Leider negativ. Und warum? Am besten, ich zitiere einmal:

Labyrinth bezeichnet ein System von Linien oder Wegen, das durch zahlreiche Richtungsänderungen ein Verfolgen oder Abschreiten des Musters zu einem Rätsel macht. Labyrinthe können als Bauwerk, Ornament, Mosaik, Pflanzung (Hecken-Irrgarten und Maislabyrinth), als Zeichnung oder Felsritzung ausgeführt sein. Auch in gedruckter Form existieren Abbildungen labyrinthischer Muster. Darüber hinaus wird der Begriff im übertragenen Sinne verwendet, um einen Sachverhalt als verworren oder schwierig zu kennzeichnen.

Trojaburgen und Rasenlabyrinthe sind hingegen Schlingenornamente und keine Labyrinthe.

Beim Satz mit den Schlingenornamenten muss ein “Labyrinthologe” erst einmal tief Luft holen: Trojaburgen und Rasenlabyrinthe sind keine Labyrinthe? Das ist schlichtweg falsch, behaupte ich.

Bei den Arten von Labyrinthen wird jetzt die Bedeutung der Labyrinthe im engeren und weiterem Sinne einfach vertauscht. Oder ist das nur eine Verwechslung? Dieser Satz legt es nahe:

Von diesem Zeitpunkt ab nimmt die Entwicklung der Labyrinthe im weiteren Sinn (der „echten“ Irrgärten) eine eigenständige Entwicklung, die bis heute zu immer komplizierteren Mustern und Wegenetzen geführt hat.

Aber dann wird es grundsätzlich. Hier der Wortlaut:

 

Die Formen von Labyrinthen sind vielfältig. Die Art der Linienführung (des Wegemusters) erlaubt eine Typisierung. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten unterschieden:

  • Labyrinth im engeren Sinn: Ein System mit Wegeverzweigungen, das auch Kreuzungen oder Sackgassen umfasst. Im deutschen Sprachbereich wird eine derartige Struktur auch als Irrgarten bezeichnet. Hier ist ein Verirren möglich und meist Sinn der Anlage.
  • Labyrinth im weiteren Sinn: Ein verschlungener Weg ohne Verzweigungen, der unter regelmäßigem Richtungswechsel zum Mittelpunkt führt. Solche Schlingenmuster sind keine Labyrinthe. Es ist es nicht möglich, sich zu verirren.

Ist der Irrgarten nun ein Labyrinth im engeren oder im weiteren Sinn?
Sind nun die Schlingenmuster Labyrinthe oder nicht?  Da fehlt irgendwie die Konsequenz.

Danach kommt wieder eine Einteilung der verschiedenen Formen der Labyrinthe. Hier der Wortlaut:

Von der Form her können bei den Labyrinthen im weiteren Sinn drei Arten von Mustern unterschieden werden, die – mit einigen Varianten – sehr häufig auftreten:

  • das kretische („klassische“) Labyrinth mit typischerweise sieben Umgängen (benannt nach Abbildungen auf kretischen Münzen),
  • das römische Labyrinth mit vier Quadranten (nach römischen Fußbodenmosaiken)
  • das christliche Labyrinth mit elf Umgängen (namensgebend die Fußbodenlabyrinthe christlicher Kathedralen).

Ich komme noch einmal auf die als Schlingenornamente titulierten Trojaburgen und Rasenlabyrinthe zurück. Die weit überwiegende Zahl der Trojaburgen ist vom klassischen Typ mit meistens 11 oder 15, manchmal auch 7 Umgängen. Sie folgen alle dem Muster, das auch den Abbildungen auf den kretischen Münzen zugrunde liegt.

Trojaburg mit 11 Umgängen

Trojaburg mit 11 Umgängen

So ähnlich ist es bei den historischen Rasenlabyrinthen, allerdings folgen die meisten englischen dem Typ Chartres mit 11 Umgängen. Zwei deutsche historische Rasenlabyrinthe sind wie die Trojaburgen vom Typ klassisches (auch kretisch genannt) Labyrinth mit 11 Umgängen.
Der Typ baltisches Rad (das dritte deutsche historische Labyrinth) hat wieder keinen Platz, denn er paßt mit seinen zwei Wegen nicht in das Schema. Er wird aber wohl als labyrinthisches Muster durchgehen.

Der Sachverhalt ist verworren und schwierig, labyrinthisch eben. Der (geänderte) Artikel von Wikipedia macht ihn noch verworrener.
Ich habe versucht, hinter die Kulissen bei Wikipedia zu schauen. Aber ich muss zugeben, dass ich da nicht durchblicke. Aber einen schönen Satz habe ich doch irgendwo aufgeschnappt und der tröstet mich etwas:

Wikipedia ist nicht der Nabel der Welt …

Verwandter Artikel

Das runde klassische Labyrinth

Das klassische Labyrinth in runder Form hatten wir schon in einem vorhergehenden Artikel.

Wenn man die Linien um die vier Wendepunkte herum etwas weniger ausrundet, also strenger in der Linienführung ist, zeigt sich in diesem Labyrinth eine gewisse Mäanderform. Tatsächlich läßt sich dieses Labyrinth aus zwei Doppelmäandern entwickeln.

Ein rundes klassisches Labyrinth

Ein rundes klassisches Labyrinth

Wie aus einem Mäandermuster ein Labyrinth entsteht, zeigt die nachfolgende Flash-Animation:

Wer gerne ein solches Labyrinth bauen möchte:

Bitte, hier ist die Konstruktionszeichnung als PDF-Datei zum anschauen, drucken oder kopieren.

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