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Vor kurzem habe ich wieder einmal bei Wikipedia unter Labyrinth nachgeschaut. Im März 2009 hatte ich ja schon einmal darüber berichtet und mich lobend geäußert. Doch diesmal war ich sehr überrascht. Leider negativ. Und warum? Am besten, ich zitiere einmal:

Labyrinth bezeichnet ein System von Linien oder Wegen, das durch zahlreiche Richtungsänderungen ein Verfolgen oder Abschreiten des Musters zu einem Rätsel macht. Labyrinthe können als Bauwerk, Ornament, Mosaik, Pflanzung (Hecken-Irrgarten und Maislabyrinth), als Zeichnung oder Felsritzung ausgeführt sein. Auch in gedruckter Form existieren Abbildungen labyrinthischer Muster. Darüber hinaus wird der Begriff im übertragenen Sinne verwendet, um einen Sachverhalt als verworren oder schwierig zu kennzeichnen.

Trojaburgen und Rasenlabyrinthe sind hingegen Schlingenornamente und keine Labyrinthe.

Beim Satz mit den Schlingenornamenten muss ein “Labyrinthologe” erst einmal tief Luft holen: Trojaburgen und Rasenlabyrinthe sind keine Labyrinthe? Das ist schlichtweg falsch, behaupte ich.

Bei den Arten von Labyrinthen wird jetzt die Bedeutung der Labyrinthe im engeren und weiterem Sinne einfach vertauscht. Oder ist das nur eine Verwechslung? Dieser Satz legt es nahe:

Von diesem Zeitpunkt ab nimmt die Entwicklung der Labyrinthe im weiteren Sinn (der „echten“ Irrgärten) eine eigenständige Entwicklung, die bis heute zu immer komplizierteren Mustern und Wegenetzen geführt hat.

Aber dann wird es grundsätzlich. Hier der Wortlaut:

 

Die Formen von Labyrinthen sind vielfältig. Die Art der Linienführung (des Wegemusters) erlaubt eine Typisierung. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten unterschieden:

  • Labyrinth im engeren Sinn: Ein System mit Wegeverzweigungen, das auch Kreuzungen oder Sackgassen umfasst. Im deutschen Sprachbereich wird eine derartige Struktur auch als Irrgarten bezeichnet. Hier ist ein Verirren möglich und meist Sinn der Anlage.
  • Labyrinth im weiteren Sinn: Ein verschlungener Weg ohne Verzweigungen, der unter regelmäßigem Richtungswechsel zum Mittelpunkt führt. Solche Schlingenmuster sind keine Labyrinthe. Es ist es nicht möglich, sich zu verirren.

Ist der Irrgarten nun ein Labyrinth im engeren oder im weiteren Sinn?
Sind nun die Schlingenmuster Labyrinthe oder nicht?  Da fehlt irgendwie die Konsequenz.

Danach kommt wieder eine Einteilung der verschiedenen Formen der Labyrinthe. Hier der Wortlaut:

Von der Form her können bei den Labyrinthen im weiteren Sinn drei Arten von Mustern unterschieden werden, die – mit einigen Varianten – sehr häufig auftreten:

  • das kretische („klassische“) Labyrinth mit typischerweise sieben Umgängen (benannt nach Abbildungen auf kretischen Münzen),
  • das römische Labyrinth mit vier Quadranten (nach römischen Fußbodenmosaiken)
  • das christliche Labyrinth mit elf Umgängen (namensgebend die Fußbodenlabyrinthe christlicher Kathedralen).

Ich komme noch einmal auf die als Schlingenornamente titulierten Trojaburgen und Rasenlabyrinthe zurück. Die weit überwiegende Zahl der Trojaburgen ist vom klassischen Typ mit meistens 11 oder 15, manchmal auch 7 Umgängen. Sie folgen alle dem Muster, das auch den Abbildungen auf den kretischen Münzen zugrunde liegt.

Trojaburg mit 11 Umgängen

Trojaburg mit 11 Umgängen

So ähnlich ist es bei den historischen Rasenlabyrinthen, allerdings folgen die meisten englischen dem Typ Chartres mit 11 Umgängen. Zwei deutsche historische Rasenlabyrinthe sind wie die Trojaburgen vom Typ klassisches (auch kretisch genannt) Labyrinth mit 11 Umgängen.
Der Typ baltisches Rad (das dritte deutsche historische Labyrinth) hat wieder keinen Platz, denn er paßt mit seinen zwei Wegen nicht in das Schema. Er wird aber wohl als labyrinthisches Muster durchgehen.

Der Sachverhalt ist verworren und schwierig, labyrinthisch eben. Der (geänderte) Artikel von Wikipedia macht ihn noch verworrener.
Ich habe versucht, hinter die Kulissen bei Wikipedia zu schauen. Aber ich muss zugeben, dass ich da nicht durchblicke. Aber einen schönen Satz habe ich doch irgendwo aufgeschnappt und der tröstet mich etwas:

Wikipedia ist nicht der Nabel der Welt …

Verwandter Artikel

An der Universität von Kent im Südosten Englands gibt es seit Oktober 2008 ein begehbares Labyrinth. Damit ist sie die erste Universität in England, die neben zwei Tuch-Labyrinthen (im Haus) ein eigenes dauerhaftes Labyrinth auf dem Campus hat.

Auf Youtube ist ein kurzes Video zu sehen, das in der Kategorie Comedy angesiedelt ist. Nehmen wir einmal an, dass das Ausdruck des britischen Humors ist. Zur Mitte kommt man also auch in rekordverdächtigen 36 Sekunden.

 

Für das Labyrinth Projekt im Rahmen der Kreativen Campus Initiative war Dr. Jan Sellers verantwortlich ist. Sie sagt:

Wir verwenden Labyrinthe als ruhige, strukturierte Zeit und Orte zum Nachdenken, als Beitrag zu Erfahrungen für Studenten und den Mitarbeiterstab, und als Teil einer kreativen Annäherung an das Unterrichten und Lernen.

Beispiel für eine interdisplizinäre Arbeit war ein Workshop von Labyrinth Vermittlerin Jay Edge zusammen mit  der Dichterin und Dozentin Patricia Debney, Canterburys erste ofizielle Hofdichterin.

Der Entwurf des Rasenlabyrinths (ein 7-gängiges Chartres Labyrinth) stammt von Jeff Saward und Andrew Wiggins.

Gebaut wurde es von “The Labyrinth Builders” mit ihrer Gartenbaufirma Haywood Landscapes Ltd.

Das Labyrinth auf der Website von Labyrinth Builders.

Das Labyrinth auf der Website der Universität von Kent.

Alles in allem eine Qualitätsarbeit mit hohem Anspruch.

Quelle: Labyrinth Pathways, 3. Ausgabe, Juli 2009

Das Rasenlabyrinth von Saffron Walden

Das Saffron Walden Town Maze in England ist das größte, historische Rasenlabyrinth in Europa.  Es hat 35 m im Durchmesser und der Weg ist etwa 1500 m lang. Es hat 17 Umgänge mit 4 “Beulen” und zählt zum mittelalterlichen Typ. Das genaue Alter ist unbekannt, aber 1699 wurden immerhin 15 Schillinge für das Nachstechen des Rasens bezahlt. 1911 wurde der ursprüngliche Kalkstein-Pfad mit Backsteinen ausgelegt.

Der Grundriss

Der Grundriss

Auch Google Earth hat das Labyrinth erspäht und ermöglicht einen Blick aus der Vogelperspektive.

Hier die genauen Koordinaten, wenn Sie das Labyrinth mit Hilfe Ihres Navigationssystems suchen und finden möchten:
N 52° 1′ 25.92″
E 0° 14′ 50.32″

Heute mähen die Gemeindearbeiter der Stadt Saffron Walden den gepflegten, englischen Rasen und wenn recht viele Besucherinnen und Besucher (wie hier 2005 unter den wachen Augen von Jeff Saward) das Labyrinth begehen, bleibt es wohl noch lange erhalten.

Wikipedia und das Labyrinth

Unter LabyrinthologInnen und IrrgärtnerInnen wird schon lange nach einer Definition für das Labyrinth gesucht, die zutreffend, genau und kurz ist; oder auch nach einer Erklärung, die etwas mehr in die Tiefe geht. Auch ich suche schon lange danach. Meistens hilft man sich damit zu betonen, dass das Labyrinth kein Irrgarten ist, sondern einen eindeutigen Weg in die Mitte (und wieder zurück) hat. Das bezeichnet dann das wahre, echte, richtige Labyrinth oder auch das Labyrinth im strengen oder engerem Sinn.

Die letzten Jahre habe ich immer wieder einmal bei Wikipedia, der freien Online-Enzyklopädie, unter Labyrinth nachgeschaut. Im Lauf der Jahre hat sich da einiges geändert, aber inzwischen ist ein guter Stand erreicht. Es steht nicht mehr alles in einem Artikel, sondern in mehreren. Vorangestellt ist eine Begriffserklärung, die zu den unterschiedlichen Artikeln verweist.

Der Hauptartikel beginnt mit folgendem Satz:

Labyrinth bezeichnet ein auf einen Mittelpunkt ausgerichtetes System von Linien oder Wegen, das durch zahlreiche Richtungsänderungen ein Verfolgen oder Abschreiten des Musters zu einem Rätsel macht.

Weiter geht es mit einer Aufzählung, in der auch die übrigen Begriffe verlinkt sind. Leider ist das Labyrinth des Minotauros dabei nicht aufgeführt.

Labyrinthe können als Bauwerk, Ornament, Mosaik, Pflanzung (Hecken-Irrgarten und Maislabyrinth), Steinsetzung (Trojaburg, ähnlich: Rasenlabyrinth), als Zeichnung oder Felsritzung ausgeführt sein. Auch in gedruckter Form existieren Abbildungen labyrinthischer Muster.
Darüber hinaus wird der Begriff im übertragenen Sinne verwendet, um einen Sachverhalt als verworren oder schwierig zu kennzeichnen.

Der Abschnitt mit dem Titel Arten von Labyrinthen bringt eine Einteilung der Labyrinthe in zwei Arten, nämlich die im engeren Sinn und die im weiteren Sinn.
Die im engeren Sinn sind die Labyrinthe und die im weiteren die Irrgärten. Dabei werden die Begriffe unverzweigte und verzweigte Linienführung verwendet. Die eigentlichen Labyrinthe werden noch in drei Muster eingeteilt.

Da werden (wir) LabyrinthologInnen und IrrgärtnerInnen einige Bedenken anmelden dürfen. Wo bleibt der Typ baltisches Rad? Was ist mit 5-achsigen Labyrinthen und neueren Formen? Der Typ Chartres ist nicht nur auf christliche Labyrinthe beschränkt.

Insgesamt ist der Artikel gut, er war schon einmal nahe daran exzellenter Artikel zu werden. Interessant ist auch, die Diskussion zu verfolgen und bei den anderen Sprachen nachzuschauen.

Zum Schluss könnte man fragen, ob Wikipedia selbst eher ein Labyrinth oder ein Irrgarten ist? Ob man immer zum Ziel kommt oder sich durch die vielen Querverweise (= Links) verführen läßt?

Das kommt auf jeden selbst an. Ob man einen roten Faden hat, wenn man auf die Suche geht.

Wenn Wikipedia nicht hilft, bleibt vielleicht noch Google?

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